Forum : Kalte Kindheit in Schottland

Schon nach den ersten rauen, kargen Bildern dieser Trilogie über das Erwachsenwerden gerät man ins Staunen: Sie sind schwarz-weiß, trist, leer – und sie machen süchtig. Der schottische Filmemacher Bill Douglas hat in den Jahren 1972, 1973 und 1978 eine Trilogie über seine Kindheit und frühen Jugendjahre gedreht.

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In einer Wiederaufführung zum 40. Geburtstag des Forums eröffnen die Filme dessen Programm. Die Bilder haben seitdem an Authentizität noch gewonnen.

Am Originalschauplatz eines schottischen Bergarbeiterdorfs entstand „My Childhood“. Die Dorfbewohner agierten als Darsteller, und dass in diesem Ort die Drehzeit der frühen siebziger Jahre problemlos für 1945 durchgehen konnte, zeigt die großen Entwicklungsunterschiede innerhalb Europas. Als sein jugendliches Alter Ego besetzte der 1934 geborene Regisseur einen dünnen, blassen Jungen mit großen Augen, der sich zumeist stumm seinem Schicksal unterwirft. Er lebt mit Großmutter und Bruder in einem der armseligen Bergarbeiterhäuschen, ausgestattet mit einem Kamin, Stühlen, Tisch und Bettstatt. Es ist immer kalt, denkt man, trotz des Kamins, denn beim Schlafen behält man seine Kleidung an – kurze Hosen und löchrige Strickjacken trägt Jamie auch im Winter. Jamie hat sich mit einem deutschen Kriegsgefangenen angefreundet. Sie bringen einander die jeweilige Muttersprache bei, und Helmuth teilt seine Essensrationen mit dem halb verhungerten Jungen, der von seinem Vater, einem der Dorfbewohner, verlassen wurde. Zum Abschied lässt Helmuth mit Jamie einen Drachen steigen. Dann verschwindet er für immer. Und die Großmutter stirbt.

Berlinale 2010: Wettbewerbsfilme
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Im zweiten Teil, „My Ain Folk“, wird Jamie auch noch von seinem Bruder getrennt. In herzzerreißenden Szenen sucht Jamie ihn. Obgleich er jetzt in vergleichsweise wohlhabenden Verhältnissen lebt, muss Jamie weiterhin hungern und frieren. Erst als der Großvater aus dem Krankenhaus heimkommt, hat Jamie einen Verbündeten. In diesem Klima von Verzicht, Gewalt, Frust und Bösartigkeit ist keine gesunde Entwicklung möglich. Erst wenn im dritten Teil mit dem hoffnungsvollen Titel „My Way Home“ Jamie zunächst in einem Heim mit einem verständnisvollen Leiter und dann auf einem Militärposten im heißen Ägypten landet, scheinen sich die Dinge zum Besseren zu wenden.

12. 2., 20 Uhr (Delphi); 13. 2., 13.30 Uhr (Arsenal 1) 

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