Kino : Frau im See

Ein Thriller über den Alltag: „Jindabyne – Irgendwo in Australien“

Daniela Sannwald

Dass Menschen anderen Menschen gern bei der Art Leben zuschauen, das ihrem eigenen ähnlich sieht, beweist der Erfolg von TV-Reality-Formaten. Auch Ray Lawrence’ Film „Jindabyne“ – benannt nach einer australischen Kleinstadt – sieht seinen Protagonisten einfach zu, mit einer Beiläufigkeit, die man manchen TV-RealityShows wünschen würde.

Die Geschichte entwickelt sich langsam aus den Beobachtungen des alltäglichen Miteinanders. Vier Männer gehen zum Fischen, finden eine Frauenleiche und beschließen, ihren Angelausflug deswegen nicht abzubrechen. Als sie auf dem Rückweg die Polizei benachrichtigen, ist ihnen noch immer nicht klar, dass sie gegen die ethischen Maßstäbe ihrer Mitbürger und vor allem ihrer Ehefrauen verstoßen haben. Und dass sie des Rassismus verdächtigt werden, denn die ermordete junge Frau war eine Aborigine.

Der Film nimmt sich viel Zeit für seine Protagonisten, begleitet sie bei den Vorbereitungen für das Wochenende: Sie packen ihre Autos voll, scherzen miteinander, überprüfen die Angeln, verabschieden sich von ihren Frauen. Der Weg zum idealen Angelplatz ist beschwerlich; nachdem sie die Wagen geparkt haben, klettern sie eine lange Strecke bergab, ein steiles Ufer hinunter, um endlich auf einem kleinen Plateau anzulangen, wo sie ihre Zelte aufbauen. Das Flusswasser ist glasklar, das schon blasse Licht der Herbstsonne erzeugt silbrige Reflexe auf seiner Oberfläche. Die Männer genießen Luft, Licht, Wasser, das wortkarge Miteinander. Als sie die Leiche finden, einigen sie sich darauf, dass Sofortmaßnahmen unnötig sind, schließlich sei die junge Frau ohnehin tot. Sie angeln einfach weiter. Ein lange, statische Kameraeinstellung zeigt einen Fisch, der seine letzten verzweifelten Atemzüge auf dem Trockenen macht, und verheißt nichts Gutes. Der Fluss plätschert gleichmäßig vor sich hin – das Leben geht weiter.

Gabriel Byrne und Laura Linney spielen Stewart und Claire, ein mittelaltes Paar, das eine ganz normale Ehe führt, nicht mehr besonders spannend, aber auch nicht unangenehm. Stewarts Hände sind von seiner Arbeit an der Tankstelle ölverschmiert; irgendwann schaut er in den Spiegel und stellt fest, dass seine Schläfen grau geworden sind. „Ah, du hast dir die Haare gefärbt“, bemerkt Claire ein bisschen später, „fühlst du dich jetzt besser?“

Gabriel Byrne, in sich gekehrt und melancholisch, und Laura Linney, immer ein wenig angespannt, sind Meister der zurückhaltenden Darstellung. Selbst als ihre Ehe zu zerbrechen droht, macht sich die Intensität ihrer Gefühle nur in minimalen Veränderungen des Umgangstons bemerkbar. Claire ist ein wenig gereizter als sonst, Stewart noch verschlossener. Dabei offenbart sich nebenbei der Charakter dieser Ehe. Man ahnt, warum die beiden vor vielen Jahren voneinander angezogen waren und was sie jetzt aneinander nervt.

Es sind solche Alltagsbeobachtungen, wegen derer man nur ungern hinnimmt, dass der „Jindabyne“ irgendwann genauso unaufgeregt aufhört, wie er angefangen hat. Obwohl der Frauenmörder bereits auf der Suche nach seinem nächsten Opfer ist. Aber das weiß nur das Kinopublikum. Daniela Sannwald

Cinemaxx Potsdamer Platz, Cinestar Treptower Park, Colosseum, Zoo-Palast, OV im Cinestar Sony-Center

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