Gerd Fröbe : Uns geht’s noch Gold

Vor 60 Jahren kam die "Berliner Ballade" mit Gert Fröbe als Otto Normalverbraucher ins Kino - und dann kam James Bond.

Rüdiger Schaper
Goldfinger
Fröbe als nimmersatter Bösewicht Auric Goldfinger. -Foto: Deutscher Fernsehdienst

Er bekam die Rolle, weil er gerade mal 116 Pfund wog – bei 1,86 Meter Gardemaß. Und weil er den Drehbuchautor, der eigentlich einen, nein den „kleinen Mann“ im Kopf hatte, mit Schauspielerschläue überzeugen konnte: „Das Äußere, das ist doch wegszuspielen. Klein muss man nicht sein, das Kleinsein muss man fühlen.“

Ein großer Auftritt. Am Silvesterabend 1948 wird im Marmorhaus am Kurfürstendamm Robert A. Stemmles Kriegsheimkehrerfilm „Berliner Ballade“ uraufgeführt. Gert Fröbe, ein unbekannter sächsischer Komiker, spielt die Hauptfigur. Einen bis heute populären deutschen Prototyp: Otto Normalverbraucher.

Die Reichshauptstadt liegt in Trümmern, die Menschen schlagen sich mit mehr oder weniger legalen Geschäften durch. Herr Normalverbraucher hungert und halluziniert. Politiker schwingen schon wieder hohle Reden. Günter Neumann, Gründer des West-Berliner „Insulaner“-Kabaretts, hat sein Programm „Schwarzer Jahrmarkt – eine Revue der Stunde Null“ für die Leinwand aufgepumpt. Otto Normalverbraucher avanciert zum „Jedermann“ des Kleinbürgertums. Der Nachname spielt auf das System der Lebensmittelkarten an, der Vorname würde alsbald den Wirtschaftswunderkindern als Verheißung in den Ohren klingen: „Otto-Versand – Hamburg“. Mitwirkende der „Berliner Ballade“ sollten sich bis in die siebziger Jahre im westdeutschen Fernsehprogramm verewigen: Günter Neumann als Komponist für Hans Rosenthals „Dalli Dalli“ und Erik Ode als „Der Kommissar“. Heinz Rühmanns Produktionsfirma ging mit der „Berliner Ballade“ übrigens pleite.

Rühmann, Ode, Fröbe. Es liegt eine Aura über dieser Filmsatire von 1948, die den Deutschen ans Gemüt geht. Vielleicht ist es schon dies – eine spezifische Gemütlichkeit, trotz allem. Noch niedlicher wirkt die weibliche Normalverbraucherform – Lieschen Müller, Erika Mustermann. Der Name der Masse, die personifizierte Anonymität. Letzten Endes eine statistische Größe. Und eine Ablenkung von seinem eigentlichen Titel, den das Volk gern vergisst: vom Souverän.

„Normalverbraucher ist ein unheimliches Wort“, schrieb Karena Niehoff – später auch Kritikerin beim Tagesspiegel – am 4. Januar 1949 in der „Welt“. Ihr war’s unbehaglich: „Es ist das aus Formeln geborene Gespenst unserer Tage. Die Angst – das ist seine Freiheit.“

Für diese Normalverbraucher gilt nach dem Krieg die Unschuldsvermutung; ein im Grunde passiver Mensch und individuell nicht sonderlich ausgeprägt. Otto N. mag sich politisch nicht betätigen, steht lieber beiseite; ein Schuft, wer Böses dabei denkt. Am Ende des Films, mit dem Gert Fröbe sich einen Namen machte, werden Hass, Neid und andere Todsünden symbolisch begraben. Für die 1920 geborene Karena Niehoff, die als Reporterin die Nürnberger Prozesse beobachtete, war dieses hoffnungsvolle Ende „eine zu weiche Planierung für den unbequemen Weg des mutigen Pessimismus.“ Harmonie und Schlussstrich sind ganz nach Otto Normalverbrauchers Geschmack.

Lange Zeit schien er unsterblich. Er wird vor allem in Krisenzeiten bemüht, unter diversen Namen. Im amerikanischen Wahlkampf versuchten die Republikaner, einen Redneck namens „Joe the Plumber“ als von der Ökonomie ge beutelte nationale Identifikationsfigur zu etablieren – allerdings ohne Erfolg. In einem Wirtschafsbericht tauchte vor einiger Zeit der Otto Normalinvestor auf, auch er ein Opfer, ein Geprellter. Aber auch einer, der selbst mitgemacht haben muss beim Börsenboom, der an „Volks aktien“ und anderen Blödsinn glaubte.

Die Globalisierung bringt für die „Ottos“ aller Couleur am Ende nichts Gutes. Denn das, worauf man sich verlassen kann und will, die sogenannte Normalität, verschwindet im Strudel nicht für möglich gehaltener Krisen und Katastrophen. Der Nachkriegsfilm hat Hass, Neid, Gier unter die Erde geschaufelt. Die Saat ging auf und ist wild ins Kraut geschossen.

Und wer hat den rasenden Paradigmenwechsel besser verkörpert als Gert Fröbe! 1964, nur sechzehn Jahre nach der „Berliner Ballade“, taucht er wohlgenährt in dem James-Bond-Film „Goldfinger“ als nahezu perfekter teutonischer Bösewicht auf; wie später Curd Jürgens und Klaus Maria Brandauer. Die Bond-Autoren griffen bei ihren naziähnlichen Wahnsinnsverbrechern gern auf Schauspieler aus Deutschland oder Österreich zurück. Und was für eine Ironie!

Jener Auric Goldfinger will mit Goldspekulationen und Gifgasattacken das Weltwährungssystem aus den Angeln heben, die fiesen Chinesen sollen ihm dabei helfen. Fröbe, von der Hungerharke zum tumben Kleiderschrank mutiert, schrieb in seiner Autobiografie über seine Rolle als James-Bond-Schuft: „Ich habe versucht, in einer unglaubwürdigen Handlung, die in einer nicht realen Welt spielt, einen Menschen zu zeichnen, der sehr viele negative Eigenschaften hat, von denen aber jeder jede einzelne bei irgend jemandem, vielleicht sogar bei sich selbst schon einmal entdeckt hat.“ Nicht real? Otto Goldfinger, Auric Normalverbraucher – sie gehören zusammen.

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