Geschwisterliebe : Trau’ keiner über dreißig

Leise Töne: Heike Makatsch und Anna Maria Mühe werden in Ed Herzogs Kammerspiel „Schwesterherz“ zusammen erwachsen. Die Schwestern lernen sich während eines gemeinsamen Urlaubs besser kennen.

Kerstin Decker

Leicht hat es nicht, wer heute jung ist. Einerseits werden wir immer früher alt und andererseits gar nicht mehr erwachsen. Der 30. Geburtstag, das ist so ein Schicksalstag im Leben eines jeden kleinen Mädchens. Schon kein richtiger Kindergeburtstag mehr, aber dahinter nur noch ein tiefes schwarzes Loch.

Das Urteil: lebenslänglich.

Anna hat ihren dreißigsten Geburtstag schon seit drei Jahren hinter sich. Noch bleibt sie vorsichtshalber die Anna, die sie kennt. Ein Powergirlie mit Brieftasche und Loft und „Beziehung“. Musikbranche. Anna managt die Musik von morgen. Heike Makatsch ist Anna, aber sie hat noch mehr für diesen Film getan. Sie hat ihn – gemeinsam mit Johanna Adorján – geschrieben.

Die Geschichte einer jungen Frau Anfang dreißig, die alles hat. Alles und dazu noch eine kleine Schwester. Früher war Marie (Anna Maria Mühe) zu klein, um mit ihr etwas anfangen zu können, aber jetzt ist sie schon achtzehn. Warum sollten beide nicht einmal zusammen in den Urlaub fahren – um sich kennenzulernen gewissermaßen?

Wie nah das Alles-Haben mitunter ans Nichts-Haben grenzt, zeigt „Schwesterherz“ auf sehr schonungslose Weise. Es ist die ewige Andersen-Erkenntnis: Der Kaiser ist ja nackt! Heike Makatsch formuliert das so: „Ich kann von mir selbst sagen, dass ich mich und viele Freundinnen in der Figur der Anne wieder erkenne. Und mir häufig wünschte, dass Filme sich trauen würden, dieses Thema – die fehlende Identität für Frauen nach dem Mädchensein – aufzugreifen.“ Ed Herzog hat nach „Almost Heaven“ den zweiten Film mit Heike Makatsch gedreht. Der Strand ist so leer und der Himmel hängt so tief, wie es sonst nur in einem Autorenfilm passieren kann. Und in der Tat: Dies ist keine Konfektionsware, dies ist ein klaustrophobisches Kammerspiel. So weit das Meer ist, Annes Welt ist plötzlich zimmereng, und nicht nur, weil der Blick aus der Suite an der nächsten Betonwand abprallt.

Die Handlung ist nicht wichtig, oder ergibt Essen-Gehen, Am-Strand-Liegen, Baden-Gehen schon eine Handlung? Dass Anna gleich am ersten Tag diesen Jungen aus der Hotel-Bar mit aufs Zimmer nimmt, ist allerdings schon eine Handlung. Aber irgend etwas muss man schließlich tun, wenn die kleine Schwester erklärt, dass sie einmal Brunnen bauen will in Afrika. Und es ernst meint. Und man ihr nicht einmal Naivität vorwerfen kann. Trotzdem, was passiert, liegt in den halben Blicken beider, in den nicht zuende gesprochenen Sätzen oder zu schnell gestellten Fragen. Und dann ist da noch der Hotelbarjunge.

Anna Maria Mühe gibt der kleinen Schwester die leisen starken Töne von Menschen, auf die das Leben zukommt. Marie hat die Paniksätze derer, vor denen es sich zurückzieht. Ebbe und Flut, nichts Besonderes, eigentlich. Und was darin knistert, ist die Spannung, die in jedem Leben steckt: es verfehlen zu können. Es vertun zu können. Ein Urlaubsvideo der anderen Art. Für alle über und unter dreißig.

Broadway, Cinemaxx Potsdamer Platz, Kino in der Kulturbrauerei

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