Großstadtmelodram : Der Sieg der Knöpfe

Hausmeisterträume: "Dunkelblaufastschwarz" von Daniel Sánchez Arévalo.

Cristina Moles Kaupp
Dunkelblaufastschwarz
Szenen aus "Dunkelblaufastschwarz". -Foto: arsenalfilm

Einmal nur hat Jorge einen Ausbruch gewagt. Einen Mülleimer angezündet und die stinkende Fackel seinem Schicksal entgegengehalten. Er hat „Genug!“ gebrüllt und wollte nichts wie weg. Bloß nicht wie sein Vater Hausmeister werden in einem Madrider Außenbezirk – so einen Werdegang hatte er sich nicht ausgesucht. Doch in der Nacht des brennenden Mülleimers bricht Jorges Vater beinahe das Herz, buchstäblich. Ein Schlaganfall verwandelt ihn in einen hilflosen Alten, und Jorge tut, was ein guter Sohn tun muss: Sieben Jahre lang pflegt er den Mann in der Souterrain-Wohnung, übernimmt seinen Job und besteht nebenher sein BWL-Diplom. Nur, dass er sich darüber nicht freuen kann.

Jetzt, mit Mitte zwanzig, drängt es Jorge mehr denn je in höhere Wirtschaftsetagen, hin zu einem auch im Wortsinn reicheren Leben. Natalia aus dem elften Stock – seit Ewigkeiten schon ist er in sie verliebt – hat es ihm vorgemacht. Jetzt will er endlich nachziehen, sein Stolz verlangt es und die Rebellion gegen sein lausiges Selbstwertgefühl. Also schreibt Jorge Bewerbungen, bestückt sie mit seinem mageren Lebenslauf, näht die richtigen Knöpfe ans falsche Jackett. Und immer wieder verschieben sich die Perspektiven in den Vorstellungsgesprächen: Wenn Jorge von seinem Hausmeisterdasein erzählt, zieht die Kamera ihn hinab ins Souterrain.

Schuster, bleib bei deinen Leisten? Einer wie Jorge gibt nicht auf. Noch nicht. Trotzdem bleibt genügend Zeit zum Abhängen mit Freund Israel auf der Dachterrasse seiner Betonburg. Hier haben die beiden alles im Blick und nichts im Griff. Israel, der Streuner, sagt: „Wir sind zwei kleine Fische, aber wir sind in unserem Aquarium nicht zufrieden.“ Im Übrigen bescheidet er sich damit, wie Sean Penn auszusehen und linst mit Vergnügen in fremde Wohnungen hinein. Bis er einmal zu genau hinsieht und den Glauben an seine Kindheit verliert.

Verzichten lernen! Erkennen, was wirklich wichtig ist im Leben! Mit diesen Lektionen füllt Regisseur Daniel Sánchez Arévalo unaufdringlich sein beeindruckendes Spielfilmdebüt. Und führt weitere an ihren Wünschen scheiternde Figuren ins Feld: Jorges Bruder, der im Gefängnis sitzt und sich in die Mitinsassin Paula verliebt – eben jene Paula, die unbedingt schwanger werden will, um auf der Mutter-Kind-Station den grausamen Attacken ihrer Mitgefangenen zu entkommen. Und letztlich Jorges Vater selbst, gefangen in geistigem und körperlichem Verfall.

So warten alle in diesem Film – auf die Freiheit, die Liebe, das Geld, den Tod. Doch nur Jorge fühlt sich als Schatten seines Traums. Blass und zornig steht der junge Mann nachts vorm Schaufenster eines Herrenausstatters und beobachtet, wie das Objekt seiner Begierde an Wert verliert: ein dunkelblaues, fast schwarzes Jackett. Wann endlich wird es seinen Blaumann verdrängen?

„Dunkelblaufastschwarz“ lebt von seinen feinen Nuancen, vom intelligenten Balanceakt auch zwischen Komik und leiser Tragik. Nichts wirkt improvisiert, und der Schnitt beschleunigt sinnig den Krebsgang der Akteure. Die sind durchweg stimmig besetzt, allen voran Antonio de la Torre, der beeindruckend in seniler Bösartigkeit versinkt. Und Quim Gutiérez versteht es, seinen Jorge transparent und verschlossen zugleich zu präsentieren. Fast unmerklich weicht sein Hadern einem etwas selbstbestimmteren Lebensgefühl. Ausgerechnet Paula wird ihn dorthin drängen, doch auch sie hat Jorge sich nicht ausgesucht. Gerade so dürfte sein Leben weiter verlaufen: changierend zwischen Dunkelblau und Schwarz. Doch keinesfalls trübe.

Cinema Paris (auch OmU), FT Friedrichshain, Kulturbrauerei und Neues Off

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