Kino : Gruselig? Grausam? Großartig!

Doku über ein Genre: „Science of Horror“

Julian Hanich

Schon merkwürdig: Auf der Leinwand werden Menschen gemeuchelt, bis das Blut in Fontänen spritzt – und im Publikum sitzen schreiende Zuschauer, die freudig dafür gezahlt haben, dass ihnen der Schrecken in die Glieder fährt. Woher kommt diese Begeisterung für das Grauen? Warum empfinden wir Vergnügen an der Angst? Man muss kein Fan des Horrorfilms sein, um dieses Genre faszinierend zu finden. Horrorfilme werfen Fragen auf, die in evolutionäre Urzeiten zurückreichen oder in psychoanalytische Untiefen vordringen. Wen wundert es da, dass über kaum ein Genre so viel nachgedacht wird wie über dieses Schmuddelkind des Kinos? Katharina Klewinghaus’ bemerkenswerte Doku „Science of Horror“ spürt einigen dieser Gedanken nach. Dabei nimmt der Film den Zuschauer auf eine rasante 80-Minuten-Fahrt durch das wuchernde Feld der Horrortheorie.

Wirkt der Horrorfilm kathartisch? Welche Rolle spielt die Zensur? Und wie nahe sind sich Horrorfilm und Pornografie? Diese Fragen stellt die deutsche Regisseurin und lässt dabei Kollegen wie Wes Craven, John Carpenter und Neil Marshall zu Wort kommen, befragt den legendären Maskenbildner Tom Savini oder den Produzenten Brian Yuzna. Unter der Hand enthüllt sie auch den hohen Grad an Selbstreflexion: Diese Leute machen sich wirklich ernsthafte Gedanken! Anspruchsvoller als Adam Simons vergleichbare Dokumentation „American Nightmare“, zeigt dieser Film auch keinerlei Scheu vor wissenschaftlichen Thesen. In elegantes Chiaroscuro getaucht, bringen bekannte Filmwissenschaftlerinnen wie Linda Williams, Carol Clover oder Barbara Creed ihre Theorien eloquent auf den Punkt. Was auf dem Papier manchmal bleiern wirkt, gewinnt hier an Überzeugungskraft, weil Klewinghaus die Thesen mit zahlreichen Ausschnitten aus Klassikern des Genres illustriert: von „Psycho“ über „The Texas Chainsaw Massacre“ bis „Das Schweigen der Lämmer“ und „The Descent“.

Einen kleinen Schwachpunkt könnte man dem Film dennoch vorhalten: Die Wissenschaftlerinnen haben ihre Theorien bereits in den frühen neunziger Jahren entworfen. Das heißt zwar nicht, dass ihre Thesen überholt wären. Allerdings wissen wir spätestens seit Wes Cravens „Scream“, wie schnell sich der Horrorfilm Theorien zu eigen macht und sie ironisch popularisiert. Auch das zeigt also Klewinghaus’ Dokumentation sehr eindringlich: Horrorfilme sind oft klüger, als man denkt. Julian Hanich

Lichtblick und Moviemento (OmU)

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