''Gucha'' : Lied vom Leben

Das westliche Roma-Bild ist noch immer sehr klischeehaft, woran auch die Filme Emir Kusturicas großen Anteil haben. Sein Schüler Dusan Milic begibt sich mit seiner Liebeskomödie "Gucha" in das von seinem Förderer und Koproduzenten definierte Milieu.

Nadine Lange

Sinti und Roma sind die ärmste Minderheit Europas. Schlechte Wohnverhältnisse, geringe Bildungschancen und hohe Arbeitslosigkeit bestimmen den Teufelskreis, in dem die meisten von ihnen leben.Vor allem in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien schlägt ihnen seit den Kriegen der neunziger Jahre, die viele von ihnen zu Flüchtlingen machten, offener Rassismus und Behördenwillkür entgegen.

Hierzulande bekommt man davon wenig mit. Das westliche Roma-Bild ist noch immer sehr klischeehaft, woran auch die Filme Emir Kusturicas großen Anteil haben: Vor allem „Time of the Gypsies“ und „Schwarze Katze, weißer Kater“ fördern die Verklärung der Roma als lebenslustiges, exotisches und primitives Zigeunervölkchen.

Kusturicas Schüler Dusan Milic („Jagoda im Supermarkt“) begibt sich mit seinem zweiten Spielfilm in genau dieses von seinem Förderer und Koproduzenten definierte Milieu. „Gucha“ erzählt die Geschichte des Roma-Trompeters Romeo, der sich in die Tochter des despotischen serbischen Trompeters Satchmo verliebt. Der ist nicht begeistert, will aber nicht als Rassist dastehen – schließlich war sein Idol Louis Armstrong auch dunkelhäutig. Sein Angebot: Wenn Romeo ihn beim großen Blasmusik-Festival schlägt, darf er Julijana heiraten. Vor dem Showdown auf der Bühne muss Romeo allerdings einige Turbulenzen überstehen. So macht sein Bruder Rocky ihm den Platz im Orchester streitig, und er muss in der Familie für sein improvisationsfreudiges Trompetenspiel kämpfen.

„Serbisches neorealistisches Bollywood“ nennt Milic den Stil seiner knallbunten, oft drastischen Liebeskomödie. Statt Gesangseinlagen gibt es zahlreiche Trompeten-Duelle, bei denen Marko Markovic als Romeo beeindruckend die Roma-Spielweise repräsentiert. Der beim Dreh erst 16-Jährige brachte viel Erfahrung mit: Seit seinem vierten Lebensjahr spielt er Trompete und hat unterdessen das legendäre „Orkestar“ seines Vaters Boban Markovic übernommen.

Mit Markovics Ausstrahlung kann Aleksandra Manasijevic als Julijana nicht mithalten. Ihre Aufgabe erfüllt sich darin, blond und hellhäutig mit dem dunklen Romeo zu kontrastieren. Immerhin führt das zum symbolträchtigen Bild eines Kusses zwischen einer Serbin und einem Roma mitten in Belgrad. Völkerversöhnend auch das Finale, in dem die Ex-Konkurrenten endlich miteinander Trompete spielen und von der Menge auf Schultern getragen werden. Kusturica hat’s sicher gefallen.

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