Hakenkreuze überall : John Rabe: Die Legende vom guten Nazi

Siemens-Chef rettet Chinesen: Florian Gallenbergers nationales Weihespiel „John Rabe“ kommt in die Kinos. Mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle.

Jan Schulz-Ojala
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Hilfe naht. John Rabe (Ulrich Tukur) enthüllt die Hakenkreuzfahne.Foto: Majestic

Schlüpfen wir für einen Augenblick in den gestählten Volkskörper einer Zielgruppe, die bislang eher nicht im Fokus des neuen nationalen Großkinos steht. Stellen wir uns vor, wir wären Neonazis. Wie würde uns dieser Film gefallen?

Zuallererst ins Auge sticht der Umgang mit dem nationalsozialistischen Kernsymbol Hakenkreuz. Jahrzehntelang im internationalen Filmwesen verteufelt oder auch verlacht, erfährt es hier – gründend auf der wahren Geschichte eines Hamburger Parteigenossen, der das Siemens-Werk im chinesischen Nanking leitete – seine überfällige Rehabilitation. Denn jener John Rabe spannt bei den Luftangriffen der Japaner im Dezember 1937 eine fast 20 Quadratmeter große Hakenkreuzflagge auf und bietet damit seinen chinesischen Werksmitarbeitern Schutz vor Jagdbomberpiloten, die das befreundete Symbol respektieren. Und der junge Regisseur Florian Gallenberger, der in seinem Film auch kleinere Hakenkreuzflaggen wehen lässt, prägt sie, fast wie Rotkreuzfahnen, als Zeichen des Guten seinem Publikum vorbildlich durchdringend ein.

Von untadelig völkischer Gesinnung ist auch der Blick, den der Film auf die in Nanking versammelten Nationen wirft. Die Japaner selbst kommen, das ist der Preis militärischer Übermacht, zwar martialisch weg, nicht schlechter aber als die Deutschen jahrzehntelang etwa im britischen Kino. Wichtiger sind die Typisierungen der Briten, Amerikaner und Franzosen, die nach der japanischen Besetzung Nankings eine Schutzzone für die Zivilbevölkerung einrichten und, wegen der guten Kontakte Deutschlands zu den Japanern, Rabe zum Komitee-Vorsitzenden wählen. Diese Ausländer, übrigens Vertreter der späteren Westalliierten, machen allesamt einen beeindruckend unerfreulichen Eindruck.

Den britischen Besserwisser im Komitee muss Rabe, ein Mann mit Sinn fürs Große, mehrfach zurechtweisen. Abstoßender wirkt Robert Wilson (Steve Buscemi), ein disziplinlos auftretender amerikanischer Chirurg, der Rabe eines Nachts mit viel Whisky sogar zu Spottgesängen gegen den Führer verleitet, doch Rabe lässt sich durch derlei Provokationen nicht ernstlich erschüttern: Am nächsten Tag verbittet er sich schärfstens eine anderweitige Schmähung. Und dann ist da die Lyzeumsleiterin Valérie Duprès (Anne Consigny), die innerhalb der Schutzzone weisungswidrig chinesische Soldaten versteckt und somit das gesamte Vorhaben weibisch gefährdet. Schwerer wiegt noch, dass die Französin für Rabe, der seine abgereiste Gattin Dora (Dagmar Manzel) nach der Bombardierung ihres Schiffs für tot hält, unkeusche Gefühle hegt. Immerhin wird sie, an der Bettkante des Geschwächten, durch einen Blickwechsel mit Doras auf dem Nachttisch stehenden Foto von einer Berührung seiner eheberingten Hand abgehalten.

Schließlich der Chinese als solcher – um ihn geht es doch vor allem bei der mehrwöchigen Hilfsaktion. Er bleibt Masse und das – zumeist für Rabe jubelnde – Ornament. Zudem weiß Herrenmensch Rabe, seit Jahrzehnten im Land, sein Völkchen klar zu sortieren. „Die Chinesen sind wie Kinder“, sagt er; ob jemand gut oder schlecht sei, könne man sofort in ihren Gesichtern lesen. Als er später – zum Ausgleich für die Enthauptung seines Fahrers Chang darf er 20 chinesische Kriegsgefangene auslösen – zur Selektion im Guten schreiten muss, darf der Zuschauer gewiss sein, dass Rabe schon die Richtigen wählen wird. Neben Chang hat unter den Chinesen nur die Schülerin Langshu (Zhang Jingchu) die Ehre namentlicher Erwähnung: Sie verliebt sich in den mit schwarzem Klebehaar und Menjoubärtchen angemessen verweichlicht gezeichneten jüdischen Botschaftsangestellten Dr. Rosen (Daniel Brühl). Letzterer darf 1937, was durchaus erstaunt, noch im diplomatischen Dienst tätig sein, allerdings in degradierter Position.

Ein Letztes und Wichtigstes, um im Jargon zu bleiben: Rabe lässt sich von allerlei reichsfeindlichen Einflüsterungen nicht beirren, sondern bleibt stets aufrechter Nationalsozialist – so hoffnungsfroh, dass er den vielbeschäftigten Führer sogar telegrafisch um Intervention zugunsten der Chinesen bittet. Wobei es dem tüchtigen Filmregisseur hoch anzurechnen ist, dass er gewisse Schwierigkeiten Rabes nach dessen Rückkehr ins Reich – er hetzte in Vorträgen gegen die Japaner und musste sich deshalb in Berlin vor der Gestapo verantworten – nur dezent im Abspann erwähnt, statt sie auszuwalzen und damit womöglich das Bild des Führers zu beschädigen. So bleibt auch das in dieser würdevoll gestalteten und mit manch vaterländischer Freiheit ausgeschmückten Filmerzählung entworfene Heldenbild Rabes intakt, das Heldenbild unseres Mannes, eines rechten Nazis in Nanking.

Ist dieses, wie der „Hollywood Reporter“ schreibt, erste deutsche „Feelgoodmovie“ über die Nazizeit also selber ein postumer NS-Propagandafilm? Festlich uraufgeführt auf der politisch eher links zu verortenden Berlinale, mit einem Budget von 17 Millionen Euro, davon ein knappes Drittel aus allerhand Fördertöpfen, also ein Kolossalfilm nach deutschen Maßstäben – und, wie das britische Branchenblatt „Screen“ mutmaßt, womöglich der nächste deutsche Oscar-Kandidat? Und, nicht zu vergessen, der soeben von der Deutschen Filmakademie für die Lola-Gala siebenfach erkorene Favorit?

Das Nachsichtigste, was sich über „John Rabe“ wohl sagen lässt: Der Film ist so naiv wie seine Titelfigur. Zumindest will er nicht weniger naiv verstanden sein. Und lässt die seit der Veröffentlichung der Rabe-Tagebücher (1996) erschlossene Tragik dieser Biografie bewusst beiseite. Stattdessen pinselt er im Bedürfnis, einem politisch unbedarften, aber angesichts von Kriegsgreueln humanitär gesinnten Geschäftsmann den nachgetragenen Lorbeerkranz zu flechten, ein eindimensionales Heldengemälde, in das sich Ulrich Tukur als Hauptdarsteller mit dem ihm üblichen Behagen einpasst. „Der lange Schatten des Nationalsozialismus lichtet sich“, sagte er auf der Berlinale – und benennt damit in schöner Arglosigkeit die Tendenz der Filmindustrie, jene ferner rückende Zeit immer unbefangener auf möglichst politikfreie, international massenwirksame Unterhaltungsstoffe abzugrasen. Und schon sind zwei, drei Romanzen wichtiger als Hunderttausende von Toten oder auch Geretteten, und das Happy End besorgt dann vielleicht nicht John Rabes Kanarienvogel, aber Doras Guglhupf.

Immerhin inspiriert das nationale Weihespiel zur Wiederbesichtigung eines Films, mit dem es bereits allerorten gleichgesetzt wird: mit „Schindlers Liste“ (1994) von Steven Spielberg . Absurder könnte das Missverständnis nicht sein. Oskar Schindler war kein gutherziger Durchschnittsmensch, der in einem kurzen historischen Augenblick zum Repräsentanten einer großen Rettungsaktion gewählt wurde und sich darin bewährte. Er war ein gerissener Geschäftsmann und Nazi, der sich erst durch die eigene Anschauung der Naziverbrechen anders besann: dann aber total, mit dem Einsatz seines Lebens und seines gesamten unsauber erworbenen Vermögens.

Zur Rettung der 1200 Juden seiner Krakauer Fabrik schmierte Schindler KZKommandanten und Nazigrößen und paktierte zum Schein mit ihnen, bis zum Schluss. Spielbergs Film zeigt und analysiert diese außergewöhnliche Charakterwandlung mit allem, was sie historisch antrieb – schonungslos.

Ab Donnerstag in elf Berliner Kinos. OmU in den Hackeschen Höfen. Englisch untertitelte Fassung: Cinestar SonyCenter

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