"Hallam Foe" : Alle Macht den Spinnern

29.08.2007 16:23 UhrVon Jeanette Krauth
Hallam Foe Foto: promo
Jamie Bell als Hallam Foe über den Dächern von Edinburg. Es ist nicht leicht, als Beobachter am Leben teilzuhaben. - Foto: promo

Ein skurriles Märchen vom Erwachsenwerden: David Mackenzies „Hallam Foe“. Während andere Teenager Parties feiern, zieht sich Hallam auf sein Baumhaus zurück, trauert um seine verstorbene Mutter und beobachtet. Dann haut er ab, nach Edinburgh. Und: der Voyeur verliebt sich.

Er ist ein Tier, ein kleines, getriebenes Tier auf der Flucht. Das an Fassaden hochklettert, sich auf allen Vieren über Dächer bewegt, in Schächten und Turmzimmern sein Nest baut. Ein ängstliches Wesen, das doch immer wieder hervorlugt, aus dem Verborgenen späht. Er heißt Hallam Foe.

David Mackenzies „Hallam Foe“ ist ein skurriles Märchen über das Erwachsenwerden. Eine wohlhabende schottische Familie auf dem Land: Die Mutter des Protagonisten starb vor Jahren, ertrunken im See bei dem prächtigen Familienhaus. Der Teenager Hallam (Jamie Bell, bekannt aus „Billy Elliott“) verdächtigt seine Stiefmutter, eine Mörderin zu sein. Schottet sich ab, meist in einem Baumhaus, wo er ein überlebensgroßes Bild der Mutter aufgehängt hat.

Wenn andere seines Alters Party machen, zieht sich Hallam, der Spinner, auf seinem Baum ein Dachsfell über den Kopf, malt sich Farbe auf die Wangen und beobachtet per Fernglas die Nachbarskinder beim Teenagersex. Oder die Nachbarn beim Zu-Bett-Geh-Ritual.

Hallam lebt zwischen Zeit und Raum, abgeschottet wie ein Einsiedler, angezogen wie ein Medizinmann – und ist dem Alltagsleben dennoch momentweise verbunden: bei Restaurantbesuchen mit den Eltern oder Plaudereien mit der großen Schwester. Bis der Konflikt mit der Stiefmutter sich hochschaukelt und Hallam nach Edinburgh ausreißt. Er streunt herum und jobt als Tellerwäscher, nachdem er seine erste Liebe erspäht hat. Ein Glück, auf das er die Sehnsucht nach der toten Mutter projiziert und das er durch eben sein Hobby gleich wieder gefährdet – als Voyeur und Flaneur über den Dächern der Stadt. Es ist nicht leicht, als Beobachter am Leben teilzuhaben.

Mackenzies Schottland ist ein schwarzes, schweres Land. Nur manchmal leuchtet es wie eine Laterna magica, und der Himmel über Edinburgh erscheint in bunten Farben, die an die „Fabelhafte Welt der Amelie“ erinnern. Vielleicht gibt es in der Story ein, zwei Wendungen zu viel, etwa wenn Hallam seine Liebe verliert, erobert, wieder verliert. Doch der langsame, genaue, poetische Zugriff des Regisseurs im gelegentlichen Wechsel mit den schnellen Schnitten der Videoclip-Ästhetik macht das wieder wett. Und der schräge Humor: Wenn die Stiefmutter Hallam per Megafon zum Essen ruft, wähnt man sich in der „Addam’s Family“. Der Britpop-Soundtrack samt Songs von Franz Ferdinand war der Berlinale-Jury im Februar übrigens einen Silberbären wert.

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