Kino : Haltlose Bilder, haltlose Zeit

Schändung und Scham: Max Färberböcks Film vermittelt eine Ahnung von der Verwüstung der Seelen

Christiane Peitz

Als „Anonyma “, das Tagebuch einer Frau vom April bis Juni 1945, vor fünf Jahren wieder veröffentlicht wurde, gab es Zweifel an der Authentizität, Streit über die widersprüchliche Publikationsgeschichte und Spekulationen um die Identität der offenbar nazitreuen Autorin. Dennoch war die Lektüre ein Schock. Da findet eine Worte für das Unsägliche und notiert in nüchterner, vor Verzweiflung hellsichtiger Sprache, wie sie und die Bewohnerinnen eines von Russen besetzten Berliner Mietshauses tagtäglich vergewaltigt werden, wie sie mit der Gewalt und der Demütigung zu leben versuchen und wie es um die ungeheure Kriegsschuld der Deutschen bestellt ist, die das Rachebedürfnis der Russen noch für die Opfer nachvollziehbar macht.

Produzent Günter Rohrbach hat seit „Das Boot“, „Aimee & Jaguar“ oder „Kalt ist der Abendhauch“ reichlich Erfahrung mit der filmischen Annäherung an den Krieg und die NS-Zeit. Dass er den Bestseller nun mit Regisseur Max Färberböck für die große Leinwand adaptiert, ist gewagt. Wegen Nina Hoss in der Hauptrolle der Albtraumwandlerin: eine so schöne Schauspielerin, die mitten in der Katastrophe allein unter Männern über Schändung und Scham, Moral und Prostitution sinniert – ist das glaubhaft? Wegen der Melodram-Falle: Anonyma weigert sich, Opfer zu sein, sucht sich einen Major, Andrej (Evgeny Sidikhin), der sie und die Nachbarinnen halbwegs vor den Soldatenhorden schützt. Aber warum muss sie sich – anders als im Buch – in den Melancholiker verlieben? Und wegen der Stilfrage: Wie setzt man eine Vergewaltigung ins Bild, ohne die Brutalität zu mildern, damit der Anblick halbwegs zumutbar wird. Es handelt sich ja um eine jener umstrittenen „amphibischen“ Produktionen, die in Zweiteiler-Version später im Fernsehen ausgewertet werden.

Ein Kellerverschlag, Düsternis, verstellte Wahrnehmung, Hände, die sich an Holz krallen – eine Chiffre für Gewalt, eine Skizze. Die unstete, gleichsam verängstigte Kamera von Benedict Neuenfels und die Sprunghaftigkeit von Dramaturgie und Montage verleihen der Szenerie etwas Unwirkliches. Flackernde, haltlose Bilder aus einer haltlosen Zeit, Ästhetik des Traumas und der Verdrängung, zu der auch die ungerührt seelenruhige Off-Stimme von Nina Hoss beiträgt.

Zwar sind ihre großen blauen Augen entschieden zu oft zu sehen, auch der hochdramatische Soundtrack von Zbigniew Preisner ist wohl ein Zugeständnis der Constantin-Produktion ans erhoffte große Publikum. Aber anders als beim ebenfalls aus dem Hause Constantin stammenden „Baader Meinhof Komplex“ folgt aus der Mainstreamisierung keine Geschichtsklitterung. Das Krude der Bilder, das im Trümmerstaub diffuse Kulissenhafte der mit Mobiliar und Kriegsgerät vermüllten Ruinenstadt – diese Unzulänglichkeiten sind wahrer als jede behauptete Authentizität. Wir können das nicht inszenieren, sagen die Bilder, es überfordert uns. Wir zeigen nur, was sich gerade noch zeigen lässt. Den Frauen zuliebe, ihrer Überlebensenergie und Schlagfertigkeit, mit der sie der eigenen Wehrlosigkeit trotzen. Der Witz in Zeiten der Finsternis: Manchmal sitzen die Frauen fröhlich beisammen und spotten über ihre „Kavaliere“. Anonyma nennt es Schändungshumor. Andere hängen sich auf.

Unter den Darstellerinnen (Ulrike Krumbiegel, Juliane Köhler, Jördis Triebel) sorgt vor allem Irm Hermann für starke Auftritte. Eine unverwüstliche Witwe, die sich um die Unversehrtheit des Mahagoni-Tischs sorgt, wenn die Russen fettigen Fisch darauf abladen – in der Psychoanalyse nennt man das Verschiebung. Und die Männer? Beschimpfen die Frauen als schamlos, wie Anonymas Bräutigam, der Heimkehrer Gerd (August Diehl). Schauen hilflos weg, politisieren über den Wiederaufbau (Hermann Beyer, Rüdiger Vogler), sind das „schwächliche Geschlecht“. Die Russen wiederum treten nicht pauschal als Barbaren auf, sondern als Kriegsopfer der anderen Art, als verrohte Bauern oder höfliche Bildungsbürger. Aber – der mongolische Adjutant, die eifersüchtige Mascha, Weib, Wodka, Gesang – muss es so viel Folklore sein?

Vergewaltigungen gibt es noch in den Kriegen von heute, trotz Ächtung durch die Vereinten Nationen. Daran wird dieser Film nichts ändern. Aber er kann eine Ahnung vermitteln: von der Verwüstung der Seelen, von dem, was Jahrzehnte verschwiegen wurde, vom Lebensgefühl, das vorübergehend keine Vergangenheit kennt und keine Zukunft, sondern nur die Allgegenwart der Angst.

„Die Zukunft liegt bleiern auf uns“, heißt es im Tagebuch. Am Ende wuchtet Anonyma mit ihrem Gerd Möbel herum, verbissen, vergeblich. Fürs Erste scheitert der Versuch, sich einzurichten in dem, was man Frieden nennt.

Ab Donnerstag im Broadway, Capitol, Titania Palast, Delphi, International, Kino in der Kulturbrauerei, Thalia, Yorck

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