Hannah Montana : Die Pop-Prinzessin

Miley Cyrus ist süße 16, dank "Hannah Montana" ein Star - und zeigt Parallelen zu Romy Schneider.

Daniela Sannwald
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Garten der Träume. Miley Cyrus spielt Hannah Montana, einen Popstar, den es in die Provinz verschlägt.Foto: Sam Emerson

Als Romy Schneider 1953 mit fünfzehn Jahren ihre erste Filmrolle bekam, spielte sie die Tochter einer alleinerziehenden Mutter, die auch im wirklichen Leben ihre alleinerziehende Mutter war. Der Film heißt „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“, und die junge Romy war frisch, frech und überhaupt nicht scheu. Nicht nur die Produzenten, sondern auch die Mutter, Magda Schneider, erkannte das Potenzial: Romy spielte von nun an abwechselnd Prinzessinnen, die zu Monarchinnen werden, und niedliche Mädels von nebenan, ein bisschen widerspenstig und rebellisch, aber zu lieb und süß, um sozialen Aufruhr zu erzeugen.

Das war in der jungen Bundesrepublik so gewünscht: Versöhnung zwischen den Generationen war die Devise, Rückführung der aus dem Krieg heimgekehrten Väter in ihre angestammten Positionen und keine Experimente. Romy Schneider spielte also, und Magda Schneider war das recht, denn der Stern des einstmaligen Ufa-Stars war im Sinken begriffen. Sie ließ sich, wann immer Romy engagiert wurde, mitverpflichten und spielte Mütter, Tanten und andere erziehungsberechtigte Personen. Ihre Tochter verkörperte idealtypisch die Prinzessinnenträume ihrer Altersgenossinnen und wurde zum Star. Millionen von jungen Mädchen in ganz Europa kauften Kinokarten, und Mutter und Produzenten rieben sich die Hände. Bis Romy mit 20 Jahren alles hinschmiss und nach Frankreich floh.

„Hannah Montana“ ist, fünfzig Jahre später, auch so eine Geschichte. Die Parallelen sind erstaunlich: Billy Ray Cyrus ist ein alternder Countrysänger und gelegentlicher Seriendarsteller, der seine inzwischen 16-jährige Tochter erfolgreich vermarktet und sich selbst gleich mit. Er spielt in „Hannah Montana“, dem Film, der nach dem „Sex and the City“-Prinzip die Fernsehserie noch einmal zusammenfasst und einen draufsetzt, den Vater eines Teenie-Idols namens Hannah Montana alias Miley. Als seine Tochter zwölf war, hat er bereits versucht, sie ans Fernsehen – den Disney Channel – zu verkaufen, was ihm nicht gelang. Zwei Jahre später hatte Disney nichts mehr dagegen. Mit 14 war Miley alt genug, um Geld zu machen.

Miley singt nicht schlecht und ist weniger hübsch als frisch, munter und ein bisschen ordinär. Wahrscheinlich kommt sie deshalb gut an bei Millionen von Mädchen, die noch jünger sind als sie, aber genug Taschengeld haben, um ihre Tonträger zu kaufen. Disney hat seine gigantische Promotion-Maschine angeworfen, um den Hannah-Montana-Hype zu schüren, der hierzulande noch nicht ganz angekommen ist. Es gibt Unterhaltungselektronik, Schühchen, Stühlchen und Parfümchen im Hannah- Montana-Look: sehr rosa und sehr glitzernd.

Die Prinzessinnen von heute sind Popstars, und wie Sissi in den Fünfzigern lustige Sachen passierten, wenn sie inkognito unterwegs war, so beruht auch die Dramaturgie von „Hannah Montana“ auf der doppelten Identität. In der Provinz, wohin ihr Vater sie bringt, damit sie die Bodenhaftung nicht verliert – im wirklichen Leben wahrscheinlich das Letzte, was er täte –, weiß niemand, dass sie eine berühmte Sängerin ist, sondern man kennt und mag sie als Miley, niemand hofiert sie und niemand jubelt, und als ein hübscher blonder Cowboy auftaucht, findet Miley das natürlich gut.

Gleichzeitig aber wird sie hektisch von den Leuten gesucht, die Geschäfte mit ihr machen. Aus den in immer kürzeren Abständen nötigen Identitätswechseln schlägt Regisseur Peter Chelsom („Funny Bones“, 1995) jede Menge Komödienkapital. Am Ende gibt es einen großen Auftritt des Popstars für einen guten Zweck, und eine riesige, ethnisch bunt gemischte Menge aus Alten und Jungen, Provinzlern und Großstädtern jubelt dem Teenager zu. Versöhnung aller Widersprüche heißt auch hier die Devise, wie schon bei Romy Schneider, nur dass man nicht so richtig weiß, wer sich hier mit wem versöhnen muss. Vielleicht eines Tages, in vielen Jahren, Miley Cyrus mit ihrem Vater.

Einstweilen jedoch funktioniert sie wunderbar als Superstar und Werbeträger. Und wenn sie im wirklichen Leben sogar eine gute Stimme und musikalisches Talent hat, mag sie es sogar schaffen, nicht mit Anfang 20 ein Wrack zu sein. Denn auch das ist ein Prinzip der Branche: Damit diejenigen, die von ihnen profitieren, ewig jung bleiben können, dürfen die jugendlichen Popstars es nicht. Das hört sich nach Teufelspakt an, und so eine Geschichte erzählt „Hannah Montana“. Im Grunde ist nichts neu an „Hannah Montana“, nur dass die Ausbeutung einer jungen Frau, die Besseres verdient hätte, jetzt noch schamloser geworden zu sein scheint.

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