HAPPY BIRTHDAY : Praunheim? Mischwitzky! Und Radtke

Rosa von Praunheim feiert heute seinen 65. – und forscht in einem Film nach der leiblichen Mutter

Christina Tilmann

Riga-Kaiserwald. Ein nobles Villenviertel am Stadtrand, stille Straßen, grüne Gärten. Ein Bild zeigt einen vielleicht zweijährigen Jungen im Sand, kurze Hosen, darunter Strumpfhosen, blonder Haarschopf. Eine Sommeridylle, von Krieg ist nichts zu spüren. Der Junge ist Rosa von Praunheim, und in einer dieser Villen ist er aufgewachsen, erinnert sich der Berliner Regisseur und macht sich im Sommer 2006 auf die Suche. Was er dabei auch erfährt: In Riga-Kaiserwald befand sich das Konzentrationslager, in dem die Nazis ab 1943 Juden aus Riga als Arbeitssklaven für deutsche Betriebe wie die AEG gefangen hielten.

Berlin-Wilmersdorf. Eine Gründerzeitwohnung, kunstvolles Chaos, der Arbeitsplan hängt über dem ungemachten Bett, der Regisseur erscheint herbstlich-verschnupft im Bademantel. In dieser Wohnung hat Rosa von Praunheim jahrelang mit seiner Mutter und seinem Freund gelebt, eine unkonventionelle FamilienWG. In einer Filmszene sieht man den Regisseur, wie er seiner Mutter mit einer riesigen Geburtstagstorte gratuliert. Man sitzt auf dem Balkon, unterhält sich, die Mutter erzählt von früher, auf Nachfragen auch aus der Zeit in Riga, ihr Mann war als AEG-Ingenieur dahin versetzt, sie selbst musste, um nachziehen zu können, eine Arbeit im Kinderheim annehmen.

Im Jahr 2000, kurz vor ihrem Tod, erzählt die 94-jährige Gertrud Mischwitzky ihrem Sohn schließlich die Wahrheit: Er ist nicht ihr leiblicher Sohn. Sie hat ihn im Jahr 1943 als Findelkind aus einem Kinderheim in Riga adoptiert. Rosa von Praunheim ist, als er das erfährt, 58 Jahre alt. Die Adoptivmutter stirbt, bevor er sie weiter befragen kann. Stirbt friedlich am Kaffeetisch, an einem Sonntagnachmittag. Der Regisseur hatte sie am Morgen noch besucht.

Mit dieser anrührenden Szene beginnt ein Film, den Rosa von Praunheim nun „seinen Müttern“ gewidmet hat. Es beginnt ein Film, und es beginnt eine Schnitzeljagd, die den Regisseur zurück nach Riga und dabei gleichzeitig tief in die deutsche Vergangenheit führt. Auf dem diesjährigen Filmfestival von Hof ist „Meine Mütter – Spurensuche in Riga“ als einer der Höhepunkte des Festivals gefeiert worden. Heute wird er zu Rosa von Praunheims 65. Geburtstag im BabylonMitte aufgeführt, bevor er im März regulär in die Kinos kommt.

Es ist ein zärtlicher Film geworden und ein zögerlicher, einer, der aus Zweifeln und Zurückhaltung geboren wurde – und im Verlauf der Recherche eine unglaubliche, fast unheimliche Spannung entwickelt. Ein Findelkind 1943 in Riga, das kann fast alles sein: Frucht eines deutschen Wehrmachtsoldaten und einer Lettin, ein von Einheimischen verstecktes Judenkind, das das Massaker so überlebte, vielleicht aber auch ein Spross des Lebensborn, wer weiß, alles ist möglich. Mit diesen Hypothesen beginnt Rosa von Praunheim seine Suche, eine Suche zunächst ohne Namen und ohne Anhaltspunkte. Er fragt deutsche und lettische Historiker, den Leiter des Jüdischen Museums in Riga, sucht in Archiven, fährt an die alten Stätten. Was ist möglich, was nicht? Was ist wahrscheinlich? Und was ist wünschenswert?

Irgendwann steht Rosa von Praunheim mit einer lettischen Historikerin, die ihm bei der Suche hilft, in Riga-Kaiserwald vor der Villa, in der er aufgewachsen ist – hier war mein Kinderzimmer, hier das Esszimmer – und befragt die Leute, die heute dort wohnen. Was wissen sie von der Geschichte des Ortes, was von den deutschen Vorbewohnern? Die Bewohner erzählen zögernd, die Historikerin dolmetscht, sie erzählen auch von dem KZ nahebei. Und man hat wieder das Bild des kleinen blonden Jungen vor Augen, der im Garten spielt. Kinder sind unschuldig. Sechzig Jahre später muss der nun erwachsene Junge aus Deutschland den Anwohnern peinigende Fragen stellen.

Am Ende ist es ein Zufall, der weiterhilft: ein Archivfund, ein Antrag auf zusätzliche Windeln, gestellt von der Pflegemutter, nennt den Familiennamen der wahren Mutter: Radtke. Ab jetzt kommt die Recherche in Gang: Stein für Stein, wie ein Dominospiel, folgt eine Erkenntnis auf die nächste, und jede ist schlimmer als die vorige. Die Mutter, Edith Radtke, hat in Riga für den berüchtigten SS-Kommandanten Eduard Roschmann gearbeitet, sie hat in einem Hotel gewohnt, das auch als Edelpuff galt, sie ist in Riga ins Gefängnis gekommen, hat ihren Sohn dort geboren. Es ist eine sehr eindringliche Szene, in der Rosa von Praunheim schließlich im immer noch genutzten Zentralgefängnis von Riga steht, im immer noch spartanischen Entbindungssaal hinter wuchtigen Gittern, und endlich weiß: Hier bin ich geboren.

Doch nicht genug damit: Die Suche nach dem Vater verläuft im Sand. Ein Fotograf, der aus Prenzlau stammt, in den vierziger Jahren auch in Riga fotografiert hat, taucht als Möglichkeit auf, das wäre doch passend, der Vater ein Fotograf, der Sohn Regisseur. Doch die Spur erhärtet sich nicht. Eine weitere, finstere Spur: Der SS-Kommandant Eduard Roschmann, berüchtigt als „Schlächter von Riga“, war auch berühmt dafür, dass er seinen Angestellten nachstellte. Hatte sich Edith Radtke von ihm schwängern lassen, war sie für ihre Schwangerschaft ins Gefängnis gekommen? Belegt ist, dass sie nach dem Krieg 1946 in einer deutschen Psychiatrie starb. Die Todesursache ähnelt jenen, die zur Verdeckung von Euthanasiemorden angegeben wurden.

Spekulationen, Hypothesen. Irgendwann fragt Rosa von Praunheim im Film nicht mehr weiter, sucht nicht mehr weiter. Vielleicht gibt es einen Punkt, an dem man nicht mehr wissen will. Ganz sicher aber gibt es jenen Punkt, an dem die ganz private, ganz persönliche Geschichte zum Spiegelbild der großen Weltgeschichte wird. So gesehen ist Rosa von Praunheims Film ein seltener Glücksfall. Es ist sein bester Film seit langem. Und auch sein traurigster.

PARTY

Heute ab 18.30 Uhr zeigt das Babylon-Mitte als Preview den Film „Meine Mütter – Spurensuche in Riga“. Um 20 Uhr präsentiert Rosa von Praunheim seine Geburtstagsshow „Ich bin eine Tomate“ mit Überraschungen und Gästen.

FILME

Zum 65. Geburtstag von Rosa von Praunheim richtet das Kino Babylon-Mitte bis 22. Dezember eine Retrospektive mit 65 Filmen aus. Infos unter www.babylonberlin.de/Programm.htm



BÜCHER & DVDs

Frisch erschienen sind Bildbände zu den Filmen „Die Bettwurst“ und „Nicht der Homosexuelle ...“. Absolut Media hat eine DVD-Box mit fünf Filmen herausgebracht. Rosa von Praunheim bringt eine Box mit 20 DVDs heraus.

AUSSTELLUNG

Das Schwule Museum, Mehringdamm 61, zeigt unter dem Titel „Rosa geht in Rente“ eine dreimonatige Ausstellung als Hommage an den Regisseur. Begleitet wird sie jeweils mittwochs, 19 Uhr, von Veranstaltungen mit Rosa von Praunheim.

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