"Happy-Go-Lucky" : Nur Fliegen ist schöner

Von der Kunst, glücklich zu sein: In Mike Leighs London-Komödie „Happy-Go-Lucky“ ist Sally Hawkins als lebenslustige Lehrerin Poppy die gute Laune in Person.

Christiane Peitz
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Lebenslust statt Dauerfrust: Sally Hawkins als Poppy. -Foto: ddp

Mike Leigh ist ein Klassenkämpfer mit der Kamera. Als Protagonist des New British Cinema treibt er sich vorzugsweise in Arbeitervierteln herum, als Parteigänger der Malocher und sich abrackernder Frauen hat er die Underdogs von London ebenso porträtiert wie die Milieus, in denen sie leben. Weil Mike Leigh außerdem ein ungeheuer gewissenhafter Regisseur ist, hegt er nie Mitleid mit seinen Figuren, sondern zeigt Respekt vor den Helden des Alltags und übt nicht nur Kritik an den Ursachen sozialer Missstände, sondern auch an denen, die kampflos aufgeben. Er ist kühler als Ken Loach, nüchterner, unbestechlich, aber nie kalt. Die Filmtitel – „High Hopes“, „Life is Sweet“, „Lügen und Geheimnisse“ – verraten es: Unerschrocken richtet er seinen Blick auf die Schlechtigkeit der Welt, wird zornig oder verzweifelt, aber nie fatalistisch.

Kann einer, dessen gesamtes Œuvre ein Versuch über das Unglück ist, auch vom Glück erzählen? Mike Leigh kann. Dreht eine federleichte Komödie und stellt das Glück gleich persönlich vor, als Wesen aus Fleisch und Blut. Ihr Name: Poppy. Grundschullehrerin, 30 Jahre, Radfahrerin, Single. Lacht sich durch ihren Londoner Lehrerinnenalltag, trägt bonbonbunte Klamotten zu hochhackigen Boots, bastelt im Unterricht Papiertüten-Vogelmasken, amüsiert sich mit WG-Genossin Zoe (herzerfrischend: Alexis Zegerman) oder geht in die Sporthalle Trampolin springen. Nur Fliegen ist schöner: Die Schauspielerin Sally Hawkins wurde bei der Uraufführung auf der Berlinale mit einem Silberbären geehrt. Kann man, so fragt der Weltverbesserer Mike Leigh, die Welt statt mit Klassenkampf auch mit guter Laune verbessern?

Poppy versucht es. Ihr Rad wird gestohlen? Dann nimmt sie halt Autofahrstunden. Der Fahrlehrer ein Miesepeter? Sie hält dagegen. Nein, sie tauscht ihre Stiefel nicht gegen flacheres Schuhwerk aus, da kann Scott (Eddie Marsan) sich noch so sehr über „Eitelkeit statt Sicherheit“ echauffieren. Nein, sie hält sich nicht eisern an seine Regel vom dreifachen Blick in die Spiegel, da kann er noch so brüllend – „En-ra-hah, En-ra-hah!“ – das magische Spiegeldreieck beschwören. So wird jede Fahrstunde zum Duell der Temperamente.

Er ein Misanthrop, sie eine Menschenfreundin. Er ein Multikultihasser, sie eine Globetrotterin. Er ein Aggressor – wie David Thewlis in Leighs dämonischem Apokalypsestück „Naked“ –, sie eine Anarchistin der Argumente. Fantasie steht gegen Verschwörungswahn, Paranoia gegen positive thinking, Lebenslust gegen Dauerfrust: Die Fahrstunden von „Happy-GoLucky“ dürften die adrenalinträchtigsten der Filmgeschichte sein; an Vitalität werden sie nur von der Flamenco-Lehrerin übertroffen, die das Leid als Motor ihrer Kunst proklamiert. Im Tanzkurs stampft sich die Spanierin den Schmerz aus der Seele, Poppy springt lieber in die Luft – und verliebt sich in Tim, den Sozialarbeiter. Kein Traummann, ein gewöhnlicher, eher ungelenker Typ. Aber einer, der gern mit ihr lacht.

Mike Leigh ist ein Meister der Lebensnähe. Deshalb inszeniert er die Liebe nicht als Höhenflug, sondern als Moment, in dem das Lachen vor lauter Verlegenheit auch mal verstummt. Deshalb ist Poppy kein sorglos kichernder Kindskopf, sondern eine, die sich ihrer Verantwortung als Lehrerin, Kollegin, Freundin oder Schwester nur zu bewusst ist. Und deshalb verleiht Mike Leigh, der die Dialoge in bewährter Manier mit den Darstellern per Improvisation erarbeitet hat, auch den Nebenfiguren präzise Konturen. Die stille Geduld des Sozialarbeiters. Der Schwager, der so gern Computerspiele spielt, aber von Poppys schwangerer, schrecklich erwachsener Schwester um jede Freude gebracht wird. Die Lehrerkollegin, die den Wochenendbesuch der Mutter samt Tante mit der spanischen Inquisition vergleicht und auf dem Schulflur noch schnell eine Flamenco-Schrittfolge übt. Und immer wieder: die verunglückten Fahrstunden.

Vielleicht ist der Disput zwischen Poppy und Scott ja so energisch geraten, weil Leighs Naturell der Leichtigkeit des Seins eher abhold ist. Vielleicht will er sich selbst überreden: Andere Regisseure werden altersmilde, der 65-jährige Leigh scheint alterswild entschlossen, der Lebensschwere zu trotzen und es sogar mit Albernheiten zu versuchen („Willst du ein Kind?“ – „Nein danke, ich hatte gerade einen Döner.“), ohne seine Haltung zu verraten. Er politisiert die Fröhlichkeit.

Zwar wird Poppy von einem philosophierenden Penner auch auf die Nachtseite des Daseins geführt, aber ihr heiteres Gemüt hält selbst dieser Begegnung stand. Und sie begreift, dass sie nicht alle retten kann. Scotts rassistischen Furor, seine explosiven Tiraden kann sie nicht stoppen. Im Gegenteil: Es ist ihr Glück, das sein Unglück vergrößert. Also steigt Poppy aus – und geht rudern. Auch eine Art, von der Stelle zu kommen.

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