Harald Martenstein (4) : Identitätsfragen

Die deutsch-türkische Komödie „Almanya“ wirkt wie eine direkte Reaktion auf die Thesen von Thilo Sarrazin. Es ist eine überzeugende Antwort, weil einfach nur eine Familiengeschichte erzählt wird.

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Tagesspiegel-Autor Harald Martenstein bei der Berlinale.
Tagesspiegel-Autor Harald Martenstein bei der Berlinale.Foto: Thilo Rückeis

In der Pressekonferenz zu „Almanya“, der deutsch-türkischen Komödie, wurden die Filmemacher nach ihrer Identität gefragt – wie sie sich als deutsche Türken denn so fühlen würden, als was genau sie sich empfinden. Einer der Schauspieler begann seine Antwort etwa so: „Vorhin, hinter der Bühne, haben wir Witze gemacht. Wir haben gesagt, jetzt werden wir bestimmt gleich wieder nach unserer Identität gefragt.“

Das muss ziemlich anstrengend sein. Ich stelle mir vor, ich müsste andauernd die Frage beantworten, wer ich eigentlich bin. Was antwortet man da? Weiß man es überhaupt?

Ich bin, unter anderem, Deutscher, Mann, Autor, Berliner, Rheinländer, Vater, Sohn, das und manch anderes hat mich zweifellos geprägt, manchmal ergänzt es sich, manchmal widerspricht es sich. Und ein bisschen Individuum ist man ja auch. Aber man kann sich da unmöglich entscheiden. Man kann zum Beispiel nicht sagen, also, unter dem Strich, ich bin wohl eher ein Autor als ein Deutscher.

Die Frage nach der Identität ist in der Regel nicht böse gemeint, aber es gibt darauf nicht die Art von eindeutiger Antwort, die der Fragesteller sich vermutlich erhofft. In dem Film heißt es, man sei all das, was es auf der Welt nicht gäbe, wenn man nie gelebt hätte. In der Pressekonferenz sagte ein Schauspieler, wahrscheinlich sei er ein „moderner Europäer“.

Die politische Komödie „Almanya“ wird für das Verhältnis zwischen Deutschdeutschen und Deutschtürken ungefähr das leisten, was „Good Bye, Lenin!“ für Ostdeutsche und Westdeutsche geschafft hat. Man wird gemeinsam lachen. Der Film wird vermutlich sehr erfolgreich sein und er hat es verdient. „Almanya“ wirkt wie eine direkte Reaktion auf die Thesen von Thilo Sarrazin, es ist eine überzeugende Antwort, weil einfach nur eine Familiengeschichte erzählt wird. Außerdem braucht die Berlinale im Hauptprogramm wenigstens einen oder zwei Filme, aus dem die Leute beschwingt herauskommen, vor drei Jahren war es zum Beispiel „Irina Palm“, diesmal ist es „Almanya“. Vielleicht wäre es klüger gewesen, „Almanya“ erst als Erholungsmaßnahme gegen Ende des Festivals zu bringen, wenn die meisten Kritiker schon völlig fertig sind von den politischen Filmen, die nicht so leichtfüßig und intelligent sind wie dieser.

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