Harry Potter : Hormone, Hermine

In "Harry Potter und der Halbblutprinz", der Verfilmung des sechsten Bands, ist alles noch düsterer, lauter und grausamer.

Lea Hampel
Potter
Eine Dosis Glück. Auch der Zaubertrank, den der neue Lehrer Horace Slughorn (Jim Broadbent) Harry Potter zusteckt, kann ihm nicht...Foto: Warner

Am besten bringt es der sprechende Hut auf den Punkt, der den Schülern von Hogwarts zu Beginn jedes Schuljahres einen Rat mit auf den Weg gibt: „Wir sollen tapfer sein in schweren Zeiten wie diesen“, hat er die Schüler zu Beginn des sechsten Schuljahres ermahnt.

Tapfer sein und durchhalten, darum geht es im neuen Harry-Potter-Film, und das gilt für die Hauptfiguren wie für die Zuschauer. Die Geschichte rund um den Zauberschüler Harry Potter (Daniel Radcliffe), der ausersehen ist, gegen die Bedrohung der Welt durch den dunklen Lord Voldemort zu kämpfen, geht ab Mittwochabend in die sechste Runde. Seit zwölf Jahren ist Harry Potter mittlerweile auf der Jagd nach „Du-weißt-schon-wem“, wie ihn die Zauberwelt nennt. 1997 kam das erste Buch von Joanne K. Rowling heraus, der erste Film, „Harry Potter und der Stein der Weisen“ kam 2001 in die Kinos, seitdem ist es von allem immer mehr geworden. Mehr Seiten, mehr Filmminuten, Leser, Zuschauer, Autorenhonorare, Handlungsstränge und vor allem: mehr Böses.

Dass das Böse an sich spätestens im sechsten Teil Hauptelement der Geschichte geworden ist, wird bereits zu Beginn von „Harry Potter und der Halbblutprinz“ deutlich. Mit atemberaubendem Tempo und unheimlichem Geheul jagen sogenannte Todesser über London hinweg, bis sie über der Milleniumsbrücke zum Mord ansetzen. Ähnlich beängstigend gestaltet sich auch das kurz darauf beginnende Schuljahr in der Zauberschule: nicht die übliche fröhliche Zugfahrt und das Wiedersehens-Hallo mit Harrys besten Freunden Hermine Granger (Emma Watson) und Ron Weasley (Rupert Grint) leiten das sechste Hogwarts-Jahr ein, sondern nach einer kurzen Begrüßung bei Familie Weasley eine schmerzhafte Begegnung mit Harrys Erzfeind Draco Malfoy (Tom Felton).

Der Attacke folgen weitere Angriffe. Ron wird beinahe Opfer eines Mordanschlags, eine Mitschülerin wird lebensgefährlich verhext. Harry kann dagegen nichts unternehmen, obwohl er im Besitz eines neuen Zauberbuches ist, das einst dem sogenannten „Halbblutprinzen“ gehörte und ihm zu ungeahnten Höhenflügen im Schulfach „Zaubertränke“ verhilft. Er ist außerdem von Schulleiter Albus Dumbledore (Michael Gambon) beauftragt, seinem neuen Zaubertränke-Lehrer Slughorn (Jim Broadbent) zu entlocken, warum Lord Voldemort bis jetzt nicht besiegt wurde.

Klingt nicht wirklich komplizierter als früher, ist es aber. Denn da gibt es noch den Brandanschlag auf das Haus der Weasleys, diverse Rückblicke in die in Phiolen konservierte Erinnerung an Lord Voldemort und vor allem: viel Geknutsche. Emotionale Verwicklungen lauern an jeder Ecke, Eifersuchtsszenen zwischen Hermine und Ron, Ron und dessen neuer Freundin Lavender, Rons Schwester Ginny Weasley und Harry bewirken, dass „Harry Potter und der Halbblutprinz“ nun tatsächlich an einen klassischen Highschool-Film erinnert.

Wäre da nicht die außergewöhnliche Grausamkeit, die den ganzen Film durchzieht. Von der Bildwelt her ist dieser Harry Potter vollends im Horrorgenre angekommen. Da sind die Todesser über London oder die an Tolkiens Halbwesen Gollum erinnernden Höhlenwesen, die in einem dunklen See wohnen und Harry und Dumbledore bedrohen, oder ein Wolken-Totenkopf über Hogwarts: überall lauern Schockeffekte. In den vorherigen Filmen wurden Spezialeffekte noch genutzt, um Bücher über Wildtiere mit Reißzähnen und Kulleraugen zum Leben zu erwecken und sich selbst packende Koffer zu bebildern. Nun konzentriert sich Tim Burke, der für die Spezialeffekte des dritten Teils, „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“, noch eine Oskarnominierung geholt hatte, nur noch auf die technisch perfekte Umsetzung des Bösen.

Bis auf wenige humoristische Ausnahmen, wenn etwa Dumbledore mit Slughorn gemeinsam per Zauberstab in Nullkommanix eine verwüstete Wohnung aufräumt, ist es ein Marathon des Schreckens. Zwar gehört zu Fantasy der Gruselfaktor. Wird der jedoch in Bilder umgesetzt, wird aus einem bisschen Grusel schnell große Brutalität. Weil es immer noch einen Unterschied macht, sich einen Dementor beim Lesen vorzustellen oder ihn als überdimensionales Monster auf der Leinwand vor sich zu sehen.

Was schmerzhaft fehlt, sind die vielen Details, die die Filme bisher zauberhaft machten: Harrys Eule Hedwig flattert nur kurz durchs Bild, die sprechenden Portraits fallen ebenso weg, selbst das beliebte Quidditch-Spiel sorgt nur einmal für Aufregung. Für all das war schlicht kein Platz, denn schon die Buchvorlage hatte vor allem eine Aufgabe: die Handlungsstränge, die während der vorherigen Ausgaben entstanden sind und sich zunehmend verzweigten, müssen wieder zusammengeführt werden. Das große Finale wartet und will vorbereitet sein.

Dabei bleibt manches auf der Strecke. Selbst wenn man vorherige Filme halbwegs präsent hat, ist unklar, warum Dumbledore nicht gerettet werden kann, wo sonst mit einem Zaubertrick selbst schwerste Verletzungen rückgängig gemacht werden können, oder warum er zwar von Hogwarts aus in eine Höhle apparieren kann, aber innerhalb der Höhle ein Boot benutzen muss, um den See zu überqueren. Vor allem aber, ein psychologischer Kardinalfehler, bleibt unklar, warum der sonst so kampfesmutige Harry tatenlos dem Untergang des bewunderten Lehrers zusieht. Dass er im Buch mit einem Schockzauber stillgestellt war – dieses wichtige Detail hat der Film sich gespart.

Eines ist klar: Die Ausgangsbedingungen für diesen Film waren denkbar schlecht. Eine vollgestopfte Romanvorlage, ein wahrscheinlich nie zu erfüllender Erwartungsdruck vonseiten der Fans, dazu der Fluch des Mehrteilers, der in diesem Fall schon daran deutlich wird, dass für eine Rolle passende Kinderschauspieler nicht unbedingt mit der Rolle mitwachsen – oder längst über sie hinausgewachsen sind. Und natürlich ist es das Grundproblem von Fantasy-Verfilmungen, dass es unmöglich ist, die unterschiedlichen Vorstellungen, die sich die Leser über Jahre gemacht haben, so umzusetzen, dass sie allen Zuschauern gefallen. Fantasy ist Fantasiesache. Ein Film dagegen muss konkrete Bilder finden.

„Harry Potter und der Halbblutprinz“ ist das Produkt dieser Probleme: eine Handlung, die nur noch Insider verstehen und die nur Übergang ist für das große Finale, ein Inhalt, der schwankt zwischen Teenie-, Horror- und Actionfilm und eine Technik, die Selbstzweck ist. Für den Zuschauer werden daraus vor allem zweieinhalb sehr lange Stunden. Da kann man es halten wie der sprechende Hut, und schwierige Zeiten tapfer durchstehen. Oder wie Ron. Der entgegnete nämlich: „Der hat leicht reden, so als Hut“.

Der Film läuft ab Mittwoch in 24 Berliner Kinos, OV im Cinestar Sony-Center und im Colosseum

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