Holocaust-Drama : Wenn sie nicht gestorben wären

Kinderblick auf ein KZ: Mark Herman verfilmt John Boynes „Der Junge im gestreiften Pyjama“.

Jan Schulz-Ojala

Unter den zahlreichen Versuchen des Kinos, dem Holocaust erzählerisch zu begegnen, ist Roberto Benignis „Das Leben ist schön“ wohl der kühnste und zugleich konsequenteste. Die zehn Jahre alte Komödie über den Juden, der seinem kleinen Sohn den KZ-Alltag bis zum eigenen Verschwinden als harmloses Spiel deutet, ist zwangsläufig im Stil eines Märchens vorgetragen – wobei der Zuschauer stets die real gewesene Tragödie mitdenkt und mitfühlt. Und doch darf er, für die Dauer des filmischen Experiments in die Rolle des Kindes gedrängt, gegen alle Vernunft den klassischen Märchenschluss träumen: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“

Wer den Holocaust dagegen als Märchen und zugleich als Tragödie erzählen will, hat ein schier unlösbares Problem. Denn der Holocaust ist Tragödie und gewesene Realität, und Realität und Märchen schließen sich strukturell aus. Der britische Regisseur Mark Herman („Brassed Off“, „Little Voice“) wollte es nun mit der Bewegtbebilderung von John Boynes Jugendbuch-Bestseller „Der Junge im gestreiften Pyjama“ trotzdem wissen. Das Ergebnis ist honorig und zugleich naiv, anrührend und doch im Ergebnis abstoßend. Sein gleichnamiger Film, scheinbar ganz der Perspektive seines kindlichen Helden verpflichtet, kommt zu einem Schluss mit hoch erhobenem Zeigefinger, den der Zuschauer auch zu folgender Moral missdeuten kann: „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.“

Bruno (Asa Butterfield) ist acht: kein Opferkind wie in „Das Leben ist schön“, sondern Sohn eines Täters. Der Vater (David Thewlis) macht Nazikarriere und ist soeben, was er vor seiner Familie geheim zu halten sucht, zum Kommandanten eines KZ-Vernichtungslagers befördert worden. Also ziehen Vater und Sohn nebst argloser Mama (Vera Farmiga) und jungblondem Schwesterpüppchen Gretel (Amber Beattie) in ein mauerumfasstes, kühlgraues Haus im Wald, in dem fescher NS-Nachwuchs wie Leutnant Kotler (Rupert Friend) aus- und eingeht und seltsam gedrückte Wesen wie Pawel (David Heyman) in der Küche als Kartoffelschäler Dienst tun. Warum nur, fragt sich Bruno, trägt Pawel den gleichen Pyjama wie die Bauern in der stacheldrahteingefassten Siedlung am Waldrand, die er auf seinen Streifzügen entdeckt hat?

Ein Kinderabenteuer. Sein Abenteuer. Und sein Geheimnis. Denn während die Schwester immer nazifanatischer wird und die Eltern bald in Zwietracht zu leben beginnen, weil Leutnant Kotler arg ruppig ausgeplaudert hat, welch schwarzer Rauch den nahen Schornsteinen entsteigt, verbündet sich Bruno immer mehr mit Schmuel (Jack Scanlon). Fast seine ganze freie Zeit verbringt er mit dem kahlrasierten Pyjamajungen aus der Siedlung, nur durch den Zaun getrennt – Schmuel barfuß auf nackter Erde unter der meist sengenden Sonne, Bruno eher auf weichem Moos, mit dem deutschen Mythenwald im Rücken.

Reichlich Realität lässt Regisseur Mark Herman in die gemächlich sich ausbreitenden Szenen einsickern – und dass Bruno die deutlichen Zeichen nicht zu deuten versteht, die wachsenden familiären wie auch die militärhierarchischen Spannungen, liegt in der Natur des Arrangements. Ausgerechnet am KZ-Zaun beginnt dafür umso maßloser die Märchenwelt: Häftling Schmuel darf lange unbeobachtet mit dem fremden Kind plaudern, zudem wirkt der Stacheldraht so locker gewickelt und starkstromlos, dass er als Hindernis kaum mehr plausibel scheint. Kein Wunder, dass einem der Jungen eines ungewöhnlichen und schicksalhaften Tages nahezu mühelos der Weg von der einen in die andere Welt gelingt.

Am überzeugendsten ist „Der Junge im gestreiften Pyjama“ immer dort, wo er sein historisch düsteres Setting und die sich verdüsternden Binnenpsychologien auf Täterweltseite entwickelt, wobei David Thewlis als zwielichtige Vaterfigur den stärksten Eindruck macht. Das Märchen zwischen Bruno und Schmuel dagegen, emotionaler Kern des Films, bleibt blass. Ahistorizität und Historie zugleich lassen sich eben nur mit schweren Verlusten an Glaubwürdigkeit behaupten. Siegt dann die Historie, und sie tut es mit einem Schock, mag dem gut gemeinten Anliegen Genüge getan sein. Filmisch entlarvt sie das ganze Unternehmen als jenen Flirt mit der Lüge, das es ist.

Delphi, International, Kulturbrauerei

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