''Home'' : Das Paradies ist anderswo

Kraftvolles Debüt: Ursula Meiers "Home" erzählt von einem prekären Idyll an der Autobahn.

Christina Tilmann

Die Straße, die nirgendwohin führt: was für ein Bild. Es ist ausgerechnet eine Autobahn, die sich die Eheleute Marthe und Michel als Rückzugsort ausgesucht haben, ein noch nicht in Betrieb genommener Autobahnabschnitt. Bewegungslosigkeit und Ruhe, wo sonst alles auf Bewegung und Durchreise angelegt ist. Da übt dann der kleine Sohn auf der leeren Asphalttrasse Fahrradfahren, während die ältere Schwester am Straßenrand ein Sonnenbad nimmt und der Vater im Garten am Swimmingpool baut.

Es ist ein prekäres Idyll, das sich diese Familie geschaffen hat, und doch in einem verheißungsvollen Sommer. Viel Geld ist nicht da, das Häuschen nur sehr notdürftig renoviert, und wohin der Vater zur Arbeit verschwindet, ist auch unklar. Immerhin: Bei seiner Rückkehr jubelt die ganze Familie, zumal wenn er eine Tiefkühltruhe aufs Autodach geschnallt hat.

Eine prekäre Balance: Vor allem Isabelle Huppert, die den ganzen Film überstrahlt, verkörpert die Fragilität, die Verletzlichkeit dieser Familie. Zart und nervös gibt sie der Rolle der Mutter eine irrlichternde Fröhlichkeit, ein elfenhaftes Nicht-ganz-von-dieser-Welt-Sein. Wäsche aufhängen, Essen richten, Kinder beaufsichtigen, in dieser täglichen Routine findet sie Kraft. Ist diese Marthe selbst noch Kind, wenn sie mit ihren Kindern herumtollt und im nächsten Moment heftig streitet? Ist sie psychisch gefährdet, dicht am Nervenzusammenbruch?

Lange hält der Film die Stimmung in der Schwebe: Was hat diese Familie, in der alle mit einer gewissen Vorsicht miteinander umgehen, zu verbergen? Michel (Olivier Gourmet) schützt die Seinen nach Kräften, mal unterschwellig gewalttätig, mal unbeherrscht; er ist den Kindern ein liebevoller Vater, und doch ist eine Bedrohung spürbar, von Anfang an. Sie kämpfen um ihren Zusammenhalt, diese wie auf dem Mond gestrandeten Menschen. Nur für die Kinder ist es ein Paradies.

Ein starkes Symbol hat die Schweizer Regisseurin Ursula Meier für ihr Debüt gewählt: Ihr „Home“ ist eine Heimat der Heimatlosen, ein Rückzugsort im Durchgangsgebiet, ein Leben jenseits der Zivilisation, eine Utopie. Doch bald geht die Autobahn in Betrieb, und das Familienparadies wird neugierig durch tausend Autoscheiben beäugt. Nur: Wer sind hier eigentlich die Aliens – die seltsamen Hausbewohner oder die Automenschen?

Am Anfang nimmt die Familie es gelassen, wettet auf die Farbe des ersten vorbeifahrenden Wagens, übt sich in Straßenüberquerungsstrategien. Doch das Blechlawinenmonster wird übergriffig: Im Stau steigen die Menschen aus den Autos aus, lehnen an der Leitplanke, schmeißen ihren Müll in den Garten. Und ein Unglück nimmt seinen Lauf.

Ihr sei die Idee zu ihrem Film selber auf der Autobahn gekommen, sagt Ursula Meier – beim Vorbeifahren an Häusern, in deren Gärten die Menschen gepicknickt hätten, scheinbar unbeirrt vom Straßenlärm. Und schildert lakonisch die Veränderungen im Leben der Familie. Marthe und Michel greifen bald zu drastischeren Maßnahmen, um ihr Paradies zu schützen. Doch je mehr sie sich von der Außenwelt abkapseln, desto mehr wird klar, dass die Bedrohung im Inneren liegt. Immer beklemmender wird die Atmosphäre, die der Film mit gnadenloser Konsequenz zum Höhepunkt führt. Die Befreiung haut das Heim in Stücke. Willkommen in der Wirklichkeit.

Cinemaxx, Kant, Kulturbrauerei; OmU im Cinema Paris, in den Hackeschen Höfen und im Neuen Off

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