Horrorfilm : ''The Orphan'': Böses Mädchen

Es ist gewiss nicht das erste Mal, das ein Horrorfilm die vermeintliche Unschuld eines Kindes benutzt, um das Grauen zu potenzieren. "The Orphan" von Jaume Collet-Serra betreibt äußerst durchtriebene Traditionspflege.

Martin Schwickert

Wenn ein Kind Sätze sagt wie „Wir sollten das Schlechte, das uns widerfahren ist, in etwas Gutes verwandeln, finden Sie nicht auch?“, ist allerhöchste Vorsicht angesagt. Zumindest im Horrorfilm. Und „The Orphan“ von Jaume ColletSerra ist der blanke Horror.

Kate (Vera Farmiga) und John (Peter Sarsgaard) haben zwei Kinder, ein drittes ist im Bauch der Mutter vor nicht allzu langer Zeit gestorben. Also wollen sie eine Waise adoptieren. Esther (Isabelle Fuhrman) ist blendend schön: Haare schwarz wie Ebenholz, Haut weiß wie Schnee, Lippen rot wie Blut. Sie nehmen das neunjährige russische Mädchen (Isabelle Fuhrman) bei sich auf, das so gepflegt Konversation betreibt, die Oma mit einem Knicks begrüßt – und schon bald die Familie nach allen Regeln der Psychoterrorkunst auseinandertreibt.

Es ist gewiss nicht das erste Mal, das ein Horrorfilm die vermeintliche Unschuld eines Kindes benutzt, um das Grauen zu potenzieren. „Das Omen“ und „Rosemary’s Baby“ als pränatales Schreckensgemälde legten die Grundsteine im Genre; „The Orphan“ nun betreibt äußerst durchtriebene Traditionspflege. Dabei hält sich Collet-Serra („House of Wax“) skrupulös an Genrekonventionen. Das einsame Haus am Hang, das für alle zur Falle wird. Die Schrecksekunden, die sich als banale Alltagsaugenblicke erweisen. Der Wandschrank, in dem sich die Geschwister vergeblich zu verstecken suchen. Und natürlich das Trauma, dem die Mutter sich in einer Radikaltherapie stellen muss.

Vera Farmiga – sie spielte die Frau des KZ-Kommandanten in „Der Junge im gestreiften Pyjama“ – verschwendet sich vorbehaltlos an die Rolle der Ex-Alkoholikerin, der niemand glauben will, als sie zu ahnen beginnt, welche Abgründe in der Seele des wohlerzogenen Waisenkindes lauern. Doch bei aller Genretreue fehlt dem ehemaligen Werbefilmer ColletSerra das Gespür für dramaturgische Effizienz. Die überschaubare Story bewegt sich im ersten Drittel leider nicht mit schleichendem Suspense, sondern mit kriechender Trägheit fort. Das Grauen im Kino ist schnell verderblich – und mit 122 Filmminuten hat „The Orphan“ sein Verfallsdatum bald deutlich überschritten.

In zwölf Kinos, Originalversion im

Cinestar SonyCenter

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