Indiana Jones : Steine, Schreine, Gebeine

Heiße Erinnerung, Kalter Krieg: "Indiana Jones 4“ feierte in Cannes seine Weltpremiere. Spielbergs Saga bietet Action auf die gute alte Art.

Jan Schulz-Ojala
Jones
Zurzeit der beliebteste Kinoheld: Harrison Ford als Indiana Jones -Foto: ddp

Das meistfotografierte historische Bauwerk im Süden Frankreichs ist dieser Tage weder das Amphitheater von Arles noch der Aquädukt über den Gard, sondern ein Maya-Tempel in Cannes: Gerüchten zufolge tauchte er unlängst direkt aus dem Mittelmeer auf. Wie er nun so goldbraun und mit allerlei Schädelgruselprunk verziert einen Vorbau des Carlton-Hotels verkleidet, wirkt er bei näherem Hinsehen allerdings wie das abgesprengte Fassadenteil einer Geisterbahn. Macht nichts: Zu Tausenden zieht’s die Schaulustigen auf der Croisette vor den ungewöhnlichen Sakralbau, Augenklicke für die Ewigkeit, Tag für Tag bis spät in die Nacht.

Auf millionenfachen Wunsch hat das Festival, 19 Jahre nach der endgültig erscheinenden Einbalsamierung, die Filmlegende „Indiana Jones“ ausgegraben und präsentiert die Mumie, für die auch das Croisette-Kulissentempelchen wirbt, in ihrer vierten Inkarnation als Weltpremiere. Cannes macht Geschichte, so konnte man meinen, mit Blick auf die Menschenansammlungen rund um das Festivalpalais schon am Sonntagnachmittag, Stunden vor der Uraufführung. Die lief zunächst für die Presse (bei großem Jubel vorab und gedämpftem hinterher), abends bei der Gala kamen die noch echteren Fans auf ihre Kosten, am Montag waren weltweit die übrigen Filmkritiker dran, und am Donnerstag startet die Abenteuersaga ebenso weltweit in den Kinos: „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ – hurra, unsere Leichen leben noch!

Und wie sie leben. Das Erste, was sich nach 123 Minuten Actiondauerkanonade und einiger Rumstehschauspielerei sagen lässt: Sie leben solide. Was punktgenau zu ihren Machern der ersten Stunde passt, die mittlerweile allesamt über 60 sind: Harrison Ford (65), seit 15 Jahren ausdrücklich bereit, den Fedora-Filzhut wieder aufzusetzen und mit seinem unverwüstlichen Body in den bullenpeitschenbewehrten Kampf zu ziehen. Produzent George Lucas (64), der für ein spezialeffektheischendes Tänzchen übers Boxoffice-Parkett immer zu haben ist. Und Steven Spielberg (61), der filmbiografisch zuletzt schon ziemlich woanders war, sich angesichts des Drehbuchs von „Jurassic Park“-Kumpel David Koepp dann aber auch nicht zieren mochte. Tenor der gut gelaunten Pressekonferenz in Cannes: „Wir sind das Original.“

Im Pensionierungsalter wird selbst ein Dr. Henry „Indiana“ Jones jr. zum Senior, und auch die Leute, die ihn auf die Piste schicken, haben allerhand Vernunft angenommen. „Indy 4“ ist ein augenzwinkernder Old-School-Actionfilm, der seine gereiften Fans zu zwei netten Stunden vor der Leinwand einlädt und sich den Nachgeborenen, die den Mythos nur auf DVD kennen, gelassen als Kinoerlebnis empfiehlt. Das große Nostalgie-Ding also, nicht viel mehr. Denn in Sachen Action, visuellen Reizen, Technik, Themen – und: Intelligenz – ist das Genre längst in andere Dimensionen vorgedrungen.

„Indiana Jones“ will, und das ist in der Ära des kolossal Digitalen fast anrührend, auch gar nicht modern sein. Sogar in seiner erzählten Zeit ist „Indy 4“ nur exakt jene 19 Jahre weiter, die seit dem „Letzten Kreuzzug“ vergangen sind. Niemand kämpft also mehr, wie in Teil I bis III, auf der Suche nach heiligen Steinen, Schreinen und Gebeinen zwecks Erlangung oder Vereitelung anderweitiger Weltherrschaft gegen die bösen Nazis. Die Saga siedelt 1957 mitten im Kalten Krieg, und nun sind die Sowjets – im Film heißen sie, aktualisiert, nur noch Russen – für die Amerikaner die Bösen. Im Katalog unverlierbarer Filmmythen funktioniert Indiana, der Archäologe mit der eisernen Faust, unversehens als Bond-Vorläufer. Und tatsächlich, wer „Liebesgrüße aus Moskau“ liebt oder „Man lebt nur zweimal“, muss „Indy 4“ zumindest schätzen.

Die Story? Reden wir lieber von den handelnden Personen. Harrison Ford in der Hauptrolle straft all jene Bloggerspötter Lügen, die ihn als unbeweglichen Oldie schmähen. Wie ein amerikanischer Belmondo oder auch Jackie Chan tobt er – zumindest für die Legende – eigenkörperlich durch halsbrecherischste Situationen, auch wenn er die Tarzan-Einsätze lieber Jüngeren überlässt. Vor allem Shia LaBeouf als Sohnemann Mutt: der Schulabbrecher und versierte Motorradfahrer macht sich als etwas weichlicher Brando-Wiedergänger entgegen Indys Rat, an seine Ausbildung zu denken, lieber als Reisebegleiter Richtung Kristallschädel nützlich. Auch die schwarzhaarige russische Topagentin Irina Spalko (Cate Blanchett) ist von staunenswerter Agilität. Wenn die böse Irina mit dem guten Mutt auf rasenden Jeeps die Klingen kreuzt, funkelt auf einmal Jugend, ja, so etwas wie Sex dazwischen – im sonst betont behäbigen Geschehen.

Der Rest sind alte Bekannte beziehungsweise bekannte Alte. Jim Broadbent gibt den Dekan am Marshall College, der den brillanten Professor Jones wegen dessen Abenteuer abseits des Katheders leider, leider suspendieren muss. Oder Ray Winstone: Als Doppel- oder Tripelagent Mac streckt auch er sein Knautschgesicht so manchem Faustschlag entgegen.

John Hurt wiederum als verwirrt vergreister Professorenkollege hält auch im irrsten Getümmel den in grobes Leinen gepackten Schatz am wogenden Busen – den Kristallschädel, der seinem Besitzer, so heißt es, unermessliche Macht über die Menschheit gewährt. Und schließlich Karen Allen als Marion Ravenwood: 27 Jahre nach Marions Romanze mit Indy im „Jäger des verlorenen Schatzes“, Urfilm aller Indy-Filme, ist auch sie wieder da, und es prickelt – nunja, fast – wie am allerersten Tag.

Die Schauplätze: In New Mexico halten die Amerikaner ein Waffenlager groß wie Fort Knox, und eine der dort lagernden Kisten ist für die Russkis von magnetischmythischer Qualität. In Peru, dem einstigen Reich der Inkas, geht die Reise dann merkwürdigerweise in die Welt der Mayas, obwohl die in Wahrheit ja in Mittelamerika siedelten. Egal, Hauptsache Trivialhistorie mit einer Prise Science Fiction. Irgendwo zwischen Erich von Dänikens extraterrestrischem Geraune, Tim und Struppis „Sonnentempel“-Abenteuern und dem Inka-Drama in Jakob Wassermanns „Gold von Caxamalca“, jenen Welten also, mit denen vorpubertäre Jungs ihre Vorstellungskraft ikonisieren, wird gekloppt und geschossen und palavert, was das Zeug hält. Nur die Schlangen, die Indy als einzige Lebewesen immer noch fürchtet, sind endlich harmlos: vorausgesetzt, sie sind groß genug.

So auch der Film: Medial überlebensgroß, bleibt „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ im Kern doch harmlos, bis auf eine umwerfende, sehr späte Szene. In einem archaisch-futuristischen Pantheon der Fantasie verwandelt sich Irina Spalko von der bloß schlag- und schießwütigen Puppe für einen Augenblick in die tragisch suchende Heldin, die Cate Blanchetts Rolle innewohnt.

Und nun ? Aus und vorbei, zumal Lucas und Spielberg ihrem Actionhelden tückisch den Rest geben? Don’t worry, be happy, der nächste „Indiana“ kommt bestimmt, spätestens in 19 Jahren.

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