Inglorious Basterds : Das schönste Attentat der Welt

Hau weg den Adolf Hitler: Quentin Tarantino mischt mit "Inglorious Basterds" das Filmfestival von Cannes auf - oder: Wie das Kino die Wirklichkeit besiegt.

Jan Schulz-Ojala

Was für eine gelöste Stimmung bei der Pressekonferenz am Mittwoch mittag im Festivalpalast! Abgesehen von Regisseur Quentin Tarantino und seinem Produzenten Lawrence Bender hat noch niemand auf dem Podium den Zweieinhalbstundenfilm gesehen, der soeben der internationalen Filmkritik vorgeführt wurde, aber es schwirrt eine elektrisierende Freude durch die Luft. Liegt’s am Champagner, mit dem das Team hier beschwingt Wiedersehen feiert? Liegts an Tarantinos furios herausgefuchtelten Komplimenten, dass erst Christoph Waltz, dann Daniel Brühl sich mit fröhlichen Kumpel-Küsschen beim Regisseur bedanken? Oder hat schon Eli Roth auf die Frage, ob „Inglorious Basterds“ eine jüdische Rachekomödie sei, den flirrend heiteren Ton vorgegeben - indem er sagte, nun, er als Jude halte den Film für „kosher porn“?

Keine Frage, die Karriere des seit Monaten heftig umraunten Films, der komplett in Deutschland und überwiegend im Studio Babelsberg gedreht wurde, fängt gut an in Cannes. Und sie könnte noch besser enden. Mindestens mit dem Darstellerpreis für Christoph Waltz, der als elegant-zynischer SS-Oberschurke in Deutsch, Englisch, Französisch und sogar Italienisch eine fantastische Vorstellung abliefert. Mit Preisen für Kamera (Bob Richardson) oder auch den klasse Set (David Wasco). Vielleicht mit Bronze (Jurypreis) für den ganzen Film, mit Silber (Großer Jurypreis) oder gar der Goldenen Palme – sofern Juryvorsitzende Isabelle Huppert, mit der Tarantino „unbedingt eines Tages arbeiten“ will, ein energisches Wort für seinen superknapp fertig gewordenen und noch ein bisschen zu langen Film einlegt?

Zehn Jahre hat der mittlerweile 46-jährige Quentin Tarantino, den viele spätestens seit „Death Proof“ (2007) als nur noch mäßig gehobenen Trash-Regisseur abgeschrieben hatten, an der Idee und am Drehbuch für „Inglorious Basterds“ gearbeitet. Und dann, in rekordkurzen sieben Monaten die Story um eine amerikanisch-jüdische Guerilla-Truppe, die 1944 in einem Pariser Kino die gesamte Nazi-Führung in die Luft jagt, abgedreht, geschnitten und tatsächlich bis Cannes fertig gekriegt. Cannes, das war Tarantinos höchstes Ziel. „In diesen zwölf Tagen ist Kino wirklich wichtig“, ruft er in den total überfüllten Presse-Saal. Und wiederholt, mit faszinierender, aber auch gefürchteter Emphase, seinen Schlachtruf: „Ich bin kein amerikanischer Regisseur, sondern ich mache Filme für den Planeten Erde!“

Und, tatsächlich, „Inglorious Basterds“ ist eine handfeste Überraschung. Kein pures amerikanisches Genre-Kino, sondern ein durchaus ernsthafter, dialogstarker Autorenfilm. Eine fette Enttäuschung also für die, die sich entweder mehr Komik-Kapriolen oder mehr Gewalt oder gleich beides gewünscht hatten. Und für die anderen ein Beweis für die Vitalität eines noch immer oder jetzt erst auf neue Weise visionären Regisseurs. Der sein Ziel, den total anderen Weltkriegs-Genrefilm zu drehen, nicht mit Gebrüll, sondern mit extremer Selbstdisziplin verfolgt. Der seine Schauspieler zwar eisern führt, sie aber zu Höchstleistungen zwingt. Und der, man glaubt es kaum, eine politisch-historisch unglaublich befreiende Geschichte zu erzählen hat. Verglichen mit dem jüngsten Nazi-Getösefilm „Operation Walküre“ jedenfalls ist „Inglorious Basterds“ locker ein Meisterwerk. Und begräbt den Tom-Cruise-Film unter Tonnen von Staub, vom ersten Bild an.

Die „Operation Kino“ genannte Racheaktion beginnt, im Stil eines Spaghetti-Westerns zu Musik von Ennio Morricone, irgendwo in der französischen Provinz (gedreht auf den sächsischen Hügeln bei Bad Schandau). Der „Judenjäger“ Hans Landa, den Christoph Waltz mit mephistophelischer Freundlichkeit ausstattet, besucht mit SS-Eskorte einen Bauern, der in seinem Keller eine jüdische Familie versteckt. Doch anders als bei tausendmal gesehenen Razzien hebt alles höchst leutselig an: Landa verwickelt den Bauern in ein quälend langes Gespräch, und erst nach einer Weile schwenkt die Kamera auf die entsetzten Gesichter unter den Stubendielen. Dann wird alles plötzlich, schnell, fatal. Nur die junge Shosanna Dreyfus (Melanie Laurent) überlebt das Massaker und kann fliehen.

Diesen Rhythmus – erst Palaver, dann überrumpelnde Action – ist Tarantinos Stilprinzip seit „Pulp Fiction“; hier aber regiert nicht mehr blutdurstige Albernheit, sondern langsam aufsteigende Kälte, und das ist das erste, was diesen Film groß macht. Alsbald erlebt der Zuschauer die von US-Leutnant Aldo „Apache“ Raine (Brad Pitt) angeführten jüdischen „Basterds“ bei einer ersten Aktion (gedreht im Spandauer Fort Hahneberg): Sie überfallen SS-Konvois, erschießen oder töten ihre Gegner auch mal mit dem Baseballschläger – eine Lieblingsaufgabe für Donny Donnowitz (Eli Roth) - und skalpieren sie schließlich. Nach einer sehr lang geratenen, wieder in einen Shoot-out mündenden Szene, hier macht August Diehl brillant gutböse Nazi-Figur, brechen die Basterds auf nach Paris. Den übergelaufenen Ufa-Star Bridget von Hammersmark (Diane Kruger) haben sie im Gefolge und den furchtbaren Landa immer auf den Fersen.

Der lange Showdown im letzten von fünf Kapiteln steigt im einem Pariser Kino, das Shosanna inzwischen unter falschem Namen führt. Die Nazibesatzer, allen voran Hitler, Goebbels, Göring und Bormann, haben das 350-Plätze-Haus für eine Gala-Vorstellung von „Stolz der Nation“ gebucht, einen Propagandafilm um den hochdekorierten Soldaten-Helden Frederick Zoller (Daniel Brühl), der auf einem Posten allein 200 Gegner tötete. Zoller ist bei der Vorstellung zugegen, und dass er ein Auge auf Shosanna alias Emanuelle geworfen hat, ist für die „Operation Kino“, wie es scheint, auch erst mal nützlich.

Eine kleine Liebesintrige, die blutig endet. Eine große Racheaktion, die blutig endet. Ein Janda, der selbst die cleversten „Basterds“ überführt und bis zum Schluss alle Fäden in der Hand zu halten scheint. Vor allem aber: Szenen, die 64 Jahre nach dem Ende dieses so vergangenen Krieges verblüffend kathartisch wirken. Ein immer wieder von Maschinengewehrsalven durchlöcherter Hitler. Ein brennendes, verriegeltes Kino, aus dem 350 höchste Nazichargen nicht entkommen und das schließlich explodiert. Das erträumte Attentat, das den Krieg beendet hätte. Und, für Tarantino vielleicht am wichtigsten: Das Kino, das die Wirklichkeit besiegt.

Vor allem diese Szenen, in denen sogar die Ikonografie der KZ-Öfen in den historisch bestmöglichen Zweck umgekehrt wird, sind ein über den Film selbst hinausweisendes Ereignis – und machen manche wohl der Eile der Post Production geschuldete Schwäche vergessen. Wer hätte das gedacht: Quentin Tarantino, der sich immer mehr in Mätzchen verrannt hatte, ist irgendwie erwachsen geworden (keine Sorge, nicht zu sehr) und hat der Filmgeschichte etwas Unvergessliches hinzugefügt. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn „Inglorious Basterds“ nicht noch weite Wege gehen sollte. In Cannes. Und erst recht im Kino.

(Kinostart Deutschland: 20.08.2009)

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