Internationales Filmfest Pusan : Koreas verwundete Seele

Seltsam. Man kommt aus dem wiedervereinigten Deutschland und giert nach Bildern aus Nordkorea, aus einem geteilten Land: die Millionenstadt Pusan und ihr asiatisches Filmfestival.

Christiane Peitz
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Asiatische Höflichkeit, latente Aggression. Im Siegerfilm "I'm in Trouble" hat ein koreanisches Pärchen mit dem Leistungsdruck der...Foto: PIFF

Sung-Hyung Cho sitzt im PIFF-Pavillon und singt „Hänschen klein“ auf Koreanisch. Sie hat es hier in Pusan in der Schule gelernt, bevor sie zum Studium nach Marburg ging. Als Kind, erzählt sie vergnügt, hatte sie keine Ahnung, dass es sich um ein deutsches Lied handelt, auch nicht bei „Oh, du lieber Augustin“. Heute weiß sie, dass sie ihre musikalische Früherziehung dem Ehrgeiz Südkoreas verdankt, so westlich wie möglich zu sein.

Die Koreaner, sagt die Dokumentaristin, die einen Film über ein deutsches Dorf in Korea gedreht hat, interessieren sich brennend für Deutschland, sie sehnen sich nach dessen Kultur. Umgekehrt ist das kaum der Fall. Dabei liegt die Ähnlichkeit auf der Hand: die Tüchtigkeit, die Ruppigkeit, die Heimatliebe, die Geschichtsvergessenheit und -versessenheit – zwei Länder, die mit sich nicht im Reinen sind. Deutschland ringt bis heute mit den Folgen der Teilung, zwischen Süd- und Nordkorea herrscht immer noch Krieg.

Der PIFF-Pavillon steht an der Strandpromenade der Millionenstadt Pusan am Pazifik, nahe den Hochhaushotels und Lovemotels, die die Bucht säumen. Ein paar hundert Meter weiter östlich dümpeln Fischerboote, Netze werden geflickt, lebende Tintenfische zum Verzehr feilgeboten: Relikt einer von der rasanten Modernisierung planierten Vergangenheit. Am westlichen Ende der Bucht steht an einer kleinen Steilküste das Apec-Haus, in dem 2005 die Konferenz der Öl exportierenden Länder stattfand, mit Putin und Bush. Das PIFF, das Internationale Filmfest Pusan, präsentiert als wichtigste Plattform für Asiens Filmkunst jedes Jahr im Oktober Produktionen aus Korea, Japan, China, den Philippinen, Thailand, Malaysia, Irak und Iran.

Einer der PIFF-Filme 2009 ist „Endstation der Sehnsüchte“. Sung-Hyung Chos Dokumentarfilm über das Dorf auf der Insel Namgae, zwei Autostunden von Pusan entfernt, kommt am Donnerstag auch bei uns in die Kinos. Gepflegte Vorgärten, rote Dachziegel: Hier verbringen die deutschen Rentner Armin, Ludwig und Willi mit ihren koreanischen Ehefrauen den Lebensabend, angelockt von einem cleveren Investor, der Meerblick, geringe Kosten und eine Sozialstation versprach. Man backt Brötchen, stellt Bratwürste her, staunt über Kuh-Buddhas und führt in breitem Hessisch den mitgebrachten Betonmischer vor („28 Jahre alt. Läuft und läuft und läuft!“). Ein Heimat-Freizeitpark in der Fremde. Für die Koreaner ist das Dorf zur Touristenattraktion geworden, ganze Autokolonnen kriechen am Wochenende den Hügel hoch. Die als Souvenirs beliebten Gartenzwerge haben die Bewohner inzwischen weggeräumt.

Willi trägt Knoblauchhut und tanzt koreanische Volkstänze, Young-Sook trägt deutsches Liedgut vor, der bald 80-jährige Ludwig absolviert ergeben das Peitsch-Ritual eines buddhistischen Mönchs. Zweite Heimat, doppeltes Heimweh: Auch die Ehefrauen, die in den Siebzigern als Krankenschwestern ins Paradies Deutschland gelockt worden waren, fremdeln im künstlichen Ambiente, das bis ins Detail Authentizität vorgaukelt. Ein Erfolgsmodell, trotzdem: Es gibt jetzt Pläne für ein japanisches Dorf.

Korea ist eins der schnellsten Länder der Welt. In der Industriemetropole Pusan kann man zusehen, wie ganze Stadtteile in Rekordzeit aus dem Boden gestampft werden. Die Multiplexe, in denen die Festivalfilme laufen, existierten bis vor kurzem noch nicht. Sie befinden sich in den Obergeschossen eines nagelneuen Kaufhauskomplexes im HochhausDistrikt „Centum City“. „Das größte Kaufhaus der Welt“, wirbt ein Slogan auf der futuristischen Fassade. Es ist etwa so, als würde die Berlinale im KaDeWe stattfinden. Man schlängelt sich durch die Parfüm-Abteilung zu den überfüllten Fahrstühlen und begibt sich im 7. Stock zu den Kinosälen, vorbei an den sich devot verbeugenden Verkäuferinnen der Haushaltswaren- und der Bettenabteilung.

Der Festival-Trailer schließt mit einem Feuerwerk, das das PIFF-Logo auf die Leinwand zaubert. Die Koreaner lieben Feuerwerk. Allerdings schießt die Salve im Trailer von oben nach unten und gleicht eher einer Bombenexplosion. Chiffre eines Traumas.

„Während des Zweiten Weltkriegs“, erklärt Sung-Hyung Cho, „haben die Japaner die Koreaner kolonialisiert und uns unserer Tradition und Sprache beraubt.“ Immer wieder ist die Geschichte des uralten Kulturvolks Korea so gründlich vernichtet worden, dass es sich selbst bei den Weltkulturerbestätten häufig um Repliken von uralten Tempelanlagen handelt. Korea, das verlorene Original. Deshalb das Apec-Haus als Museum seiner selbst mit Vitrinen, in denen das Menü der Staatsoberhäupter bei der Konferenz von 2005 ausgestellt ist. Deshalb die Affenliebe zur Wiener Klassik, die einem schon beim Anflug auf Seoul Kirchenmusik aus dem Cockpit beschert oder, in einer düsteren Tiefgaragen-Toilette, Flötensonaten von Bach.

„Die Japaner“, fügt die Dokumentaristin hinzu, „haben uns das Gefühl gegeben, dass wir es verdienen, erniedrigt zu werden. Unter diesem Minderwertigkeitskomplex leidet Korea bis heute.“ Der Wettstreit mit Japan und den anderen Industrienationen was Autos, Electronics oder die Kultur betrifft, produziert Zerrbilder des westlichen Fortschrittsglaubens. Und er produziert Druck. Leistungsdruck, Kollektivdruck, Anpassungsdruck. Wie in Japan schlafen viele stehend in der U-Bahn, die Alkoholexzesse nach Feierabend und die latente Aggression, die unter der asiatischen Unterwürfigkeit lauert, sind Anzeichen einer permanenten Überforderung. Auch die am roten Teppich Tag für Tag hysterisch kreischenden Schulmädchen lieben weniger die Stars und Starlets des Festivals als den Gruppenkoller: Schrei dich frei!

Vielleicht verstellt der deutsche Blick ja die Wahrnehmung, aber der Opferkomplex der Koreaner sieht dem Täterkomplex der Deutschen verblüffend ähnlich. Viele Festivalfilme erzählen vom gestörten Verhältnis zur eigenen Vergangenheit und bringen die Chronik der Ereignisse mit Bedacht aus dem Takt. Erschütterte, verhedderte Zeit, Schuld und Verstrickung, verdrängte Familiendramen, Schicksalsgemeinschaften einer verlorenen jungen Generation. In „I’m in Trouble“, einem der Festival-Siegerfilme, flüchtet ein junger Dichter vor dem Erfolgsdruck in Lethargie, verpatzt jedes Rendezvous mit seiner Freundin, entschuldigt sich ständig, verspricht Besserung – und landet wieder beim Saufgelage. Eine Tragikomödie über einen Tüchtigkeitsverweigerer in ruhigen Einstellungen als Gegenmittel zur koreanischen Hektik. „I’m so sorry“: Kein Dialogsatz fiel häufiger in Pusan.

Helden mit Handicap finden sich auch in anderen asiatischen Filmen. Versehrte, verunfallte, entwurzelte Menschen: Ob der querschnittsgelähmte junge Mann im hypnotischen Debütfilm „Mundane History“ der Thailänderin Anocha Suwichakornpong, ob Fruit Chans Versuch, der chinesischen Erdbebentragödie von 2008 in „Chengdu, I love you“ mit den Kulturtechniken der martial arts und der Teezeremonie beizukommen – es geht um das Weiterleben nach der Katastrophe.

Das gewaltsame Auslöschen von Geschichte bildet auch den Subtext des Genrekinos. Der koreanische Blockbuster 2009 heißt „Haeundae“, wie die im Sommer von Hunderttausenden bevölkerte Strandbucht, an der das Filmfest stattfindet. Ein Tsunami rollt über die Stadt hinweg, eine regelrechte Sintflut für die unter Gewissensbissen leidenden Bewohner. Zehn Millionen Koreaner haben „Haeundae“ bisher gesehen, ein Viertel der Bevölkerung. Abgesehen davon, dass es unbändigen Spaß macht, an eben dem Ort einen Film zu sehen, in dem die Welle jenen Ort auslöscht, wird das Hollywood-Katastrophengenre auf erhellende Weise adaptiert: zum Melodram über die verwundete Volksseele.

Dass Korea anders als das auf Individualität bedachte Deutschland ein Land der Kollektive ist, zeigt sich auch daran, dass ein kleiner Dokumentarfilm über einen alten Mann, seine Frau und seine Kuh im letzten Jahr drei Millionen Zuschauer fand. Das Massenpublikum in den Megacities Seoul und Pusan übt im Kino die Landflucht.

Korea, das geteilte Land. Bei der in Japan lebenden Südkoreanerin Yonghi Yang geht der Riss mitten durch die Familie. Sie dreht Dokumentarfilme über ihre in Nordkorea lebenden Brüder, die der Vater, einst ein glühender Anhänger von Kim Il Sung, dorthin geschickt hatte. „Dear Pyongyang“ war 2006 auf der Berlinale zu sehen, in „Sona, my other Self“ porträtiert Yonghi Yang nun ihre kleine nordkoreanische Nichte.

Seltsam. Man kommt aus dem wiedervereinigten Deutschland und giert nach Bildern aus Nordkorea, nach Einblicken in den Alltag des Schurkenstaats, dieses neben Birma wohl verschlossensten Landes der Welt. Yonghi Yang, die in Japan streng nordkoreanisch erzogen wurde und danach in den USA studierte, nennt sich selbst eine Grenzgängerin, auch sie darf seit ihrem ersten Film nicht mehr nach Pjöngjang. Also montiert sie Szenen von ihrem letzten Familienbesuch, anrührende Bilder von Sona in nordkoreanischer Schuluniform und mit Mickymaus-Strümpfen aus Japan.

„Ich kenne das alles nicht“, sagt das Mädchen, als die Tante ihr von den Musicals im Westen erzählt. „Aber es ist gut, davon gehört zu haben.“ So abgeschottet war die DDR nie. Und doch versucht man, es sich vorzustellen: Deutschland im Jahr 2009, wenn die Mauer nicht vor 20 Jahren gefallen wäre.

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