Interview : Bewegen statt belehren

"Wir haben 1000 Freunde auf "Facebook", aber es gibt nur wenige Menschen, denen wir in die Augen schauen": In seinem Film "Up in the Air" geht es um den Verlust von Bindungen, sagt Regisseur Jason Reitman.

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Regisseur Jason Reitman. -Foto: dpa

Mr. Reitman, beginnen wir mit der Titelsequenz. Wie in all Ihren Filmen ist sie sehr ungewöhnlich und aufwendig.



Die Titelsequenz soll aussehen wie eine Collage aus beweglichen Postkarten. Wir reisen durch diese Postkartenwelt und sehen dabei die Erde wie die Hauptfigur Ryan Bingham: aus 8000 Metern Höhe. Ryan sieht auf diese Art das ganze Land – aber nie eine der amerikanischen Städte, die er bereist. Er sieht die Welt nur vom Flugzeug, im Flughafen, im Hotel und aus dem Mietwagen heraus.

Dazu ertönt Woody Guthries Folk-Klassiker „This Land Is Your Land“. Ein ironischer Kommentar: Wenn Bingham so lebt, wie kann dann das Land seines sein?

Genau. Außerdem war „This Land Is Your Land“ eine Art Arbeiterlied, als es geschrieben wurde. Darin liegt eine zusätzliche Ironie.

Ähnlich wie Ihre früheren Filmhelden handelt Ryan Bingham moralisch fragwürdig, ist aber sehr charismatisch.

Ich fühle mich zu komplizierten Figuren hingezogen: ob es eine schwangere Teenagerin ist wie in „Juno“, ein Tabak-Lobbyist wie in „Thank You for Smoking“ oder eben ein Mann wie Ryan, der seinen Lebensunterhalt damit finanziert, dass er Leute feuert. Ich finde es viel interessanter, solche Figuren menschlich erscheinen zu lassen, als Geschichten über normale Menschen zu erzählen.

Gibt es tatsächlich Leute, die nur für das Entlassen von Mitarbeitern angeheuert und eingeflogen werden?

Ja, wegen der vielen Rechtsklagen existieren in Amerika solche Firmen. Meine Frau wurde auf diese Art entlassen.

Die Entlassungsszenen wirken authentisch.

Weil wir Menschen zeigen, die tatsächlich ihren Arbeitsplatz verloren haben. Als ich mich 2002 das erste Mal an das Drehbuch setzte, ging es der Wirtschaft ziemlich gut. Ich schrieb den Film damals als Unternehmenssatire. Inzwischen hat sich die Welt verändert. Und ich wollte Authentizität. Also inserierten wir in der Zeitung, dass wir einen Dokumentarfilm über Arbeitsplatzverlust planen. Von den Leuten, die sich bewarben, sind letztlich 25 im Film gelandet. Wir haben sie zehn Minuten interviewt und ihnen dann gesagt, wir würden sie jetzt vor laufender Kamera noch mal feuern. Da ihre Emotionen noch so nah an der Oberfläche lagen, war es sehr einfach für sie, authentisch bewegt zu sein. Eine Frau hatte ihren Job erst eine Woche zuvor verloren.

Wollen Sie mit Ihrem Film dieses inhumane Outsourcing kritisieren?

Ich halte Unternehmen nicht für moralisch rechenschaftspflichtig. „Up in the Air“ als Kritik an der Industrie oder der Wirtschaft – das wäre Zeitverschwendung. Es geht um den Verlust menschlicher Bindungen. Dazu haben auch die neuen Technologien beigetragen. Wir haben 1000 Freunde auf „Facebook“, aber es gibt nur wenige Menschen, denen wir in die Augen schauen. Wir schreiben uns SMS, aber wir reden nicht miteinander. Mit mir hat mal eine Freundin per E-Mail Schluss gemacht.

Warum überhaupt diese Technologien?

Weil wir glauben, sie bringen uns näher zusammen. Und weil sie so einfach sind: Leute tun gewöhnlich Dinge, die den geringsten Aufwand erfordern.

Ist der Film also ein Weckruf?

Das ist nicht meine Aufgabe. Ich will Menschen emotional bewegen. Mich machen Regisseure wütend, die mir erzählen, was ich zu denken habe – wie Michael Moore oder Michael Mann mit „The Insider“. Die Zuschauer sollen selbst denken.

Dennoch beschäftigen Sie immer wieder wichtige Themen: Teenager-Schwangerschaft, Lobbyismus und Demokratie, Individualisierung und Bindungslosigkeit.

Mich frustriert, dass diese Themen immer nur schwarz-weiß gesehen werden. Mich faszinieren Stoffe, bei denen Leute immer schon zu wissen glauben: Das ist die richtige Antwort und das ist die falsche. Ich bin erst 32 Jahre alt, aber in dieser Zeit habe ich eines herausgefunden: Das Leben ist unendlich kompliziert, und es gibt keine einfachen Antworten.

Das Gespräch führte Julian Hanich.

JASON REITMAN (32) ist der Jungstar des amerikanischen Kinos.
Seine Filme: „Thank you for Smoking (2005), „Juno“ (2007). „Up in the Air“ ist für sechs Oscars nominiert.

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