Interview : "Direkt in das Trauma hinein"

Niko von Glasow erzählt in "Edelweißpiraten" die Geschichte von Jugendlichen, die 1944 im zerstörten Köln Widerstand gegen die Nazis leisten. Ein Interview mit dem Regisseur.

Achim Fehrenbach

Köln-Ehrenfeld, November 1944. Sie sind jung, wild und rebellisch. Wie Jugendliche überall und zu jeder Zeit. Doch die Arbeiterkinder Karl (Iwan Stebunov) und sein jüngerer Bruder Peter (Simon Taal) sind Edelweißpiraten, Anti-Nazis, und werden deswegen von der Gestapo verfolgt. Gemeinsam mit dem flüchtigen KZ-Häftling Hans Steinbrück (Bela B. Felsenheimer) planen sie Sabotageakte und geraten bald ins Visier der Gestapo, die mit härtester Konsequenz gegen die Jugendlichen vorgeht. Als sie verhaftet werden, ist Karl zwischen Überlebenswillen, Verantwortungsgefühl, als auch Liebe für seinen Bruder und der Loyalität zu den Edelweißpiraten hin- und hergerissen.

Was brachte Sie auf die Idee, einen Film über die Edelweißpiraten zu drehen?

Von Glasow: Vor zehn Jahren lebte ich in Amerika, und da hat mir ein Freund in Hollywood, ein Filmproduzent, davon erzählt. Da ich aus Köln komme hat es mich gewundert, dass ich von denen noch nie gehört hatte. Eine Woche später saß ich mit meiner Frau im Flugzeug nach Deutschland. In Köln recherchierte ich dann im Gestapo-Archiv. Zu meinem Erstaunen fand habe ich über 2.800 Namen von Edelweißpiraten und anderen Widerstand leistenden Jugendlichen, zum Beispiel "Kittelbach-Indianern".

Wann sind Sie auf den Zeitzeugen Jean Jülich gestoßen?

Ich bin in Köln angekommen und habe ihn bereits einen Tag später gefunden. Er wurde 1994 vom Staat Israel in der Gedenkstätte Yad Vashem als "Gerechter unter den Völkern" geehrt. Jean hat uns beim Drehbuch und bei den Dreharbeiten beraten. Außerdem hat er den Part des Erzählers übernommen, weil er eine so tolle Stimme hat und wir keinen besseren finden konnten. Heute ist Jean einer der wenigen Edelweißpiraten, die sich der Öffentlichkeit stellen.

Was sind ihre Vorbehalte gegenüber der Öffentlichkeit?

Manche der Edelweißpiraten, die uns geholfen haben, sind noch nicht mal im Abspann genannt. Sie haben schlechte Erfahrungen gemacht, auch mit den Medien, und haben jetzt Angst. Für die ist es richtig schlimm, jetzt von bestimmten Leuten als "Kriminelle" bezeichnet zu werden. "Krimineller" war in der Nachkriegszeit ungefähr eine so schlimme Beleidigung wie heutzutage "Kinderschänder".

Unter "Edelweißpiraten" werden ja gemeinhin oppositionelle Jugendgruppen während der NS-Diktatur bezeichnet. In ihrem Film meint der Begriff aber die "Ehrenfelder Gruppe" um Hans Steinbrück.

Für den Film musste ich mich da einschränken. Alle Ereignisse, die im Film gezeigt werden, sind auch so geschehen - bis hin zu Details wie den Pistolen, aus denen geschossen wurde. Nur dem Brüderpaar habe ich andere Namen gegeben, "Karl" und "Peter". Der echte Karl hat die anderen Gruppenmitglieder aus Verzweiflung verraten, ich musste ihn durch den Decknamen schützen.

Waren die Gestapo-Akten denn zur Rekonstruktion der Ereignisse geeignet?

Die Akten waren sehr detailliert, und es wurde ja auch nicht nur die Ehrenfelder Gruppe verhaftet und verhört, sondern viele hundert Widerständler aus dem Raum Köln. Unter Folter haben die meisten alles zugegeben - was wohl jeder von uns tun würde - nur eines haben sie nicht zugegeben: dass sie politisch sind. Wenn du von der politischen Polizei verhaftet wirst, bedeutet es den sicheren Tod, politische Motive einzugestehen. In der Nachkriegszeit haben die Historiker diese sogenannten Quellen gesichtet und gesagt: "Da steht's doch, die Edelweißpiraten sind nicht politisch."

Und das konnte so lange unwidersprochen bleiben?

Vorgestern haben Jean und ich den Film in Essen vorgestellt, und da war wieder so ein Historiker, der behauptete, das sei alles kein Widerstand gewesen. "Was ist denn dann Widerstand?" habe ich ihn gefragt. "Wenn es staatsgefährdend ist", hat er geantwortet. Auch die Weiße Rose war für ihn kein Widerstand ... Aus meinem Verständnis ist Widerstand, wenn man etwas für Menschen tut, die unter einer Diktatur leiden. Wenn man Juden versteckt, Parolen auf Wände schreibt, Flugblätter druckt, dann frage ich mich: Wer hat eigentlich mehr getan im Deutschland der NS-Zeit?

Ist die Art von Widerstand, den die Edelweißpiraten geleistet haben, also Sabotage und die Hilfe für Regimefeinde, dem heutigen Kino-Publikum leicht vermittelbar?

Wenn wir von den Medien eine ähnliche breite Unterstützung bekommen würden wie beispielsweise "Der Untergang", dann ja. Inzwischen sieht es da besser aus, aber wir mussten ganz schön kämpfen.

Warum haben Filme wie "Der Untergang" und "Sophie Scholl" es in der öffentlichen Wahrnehmung leichter?

Wir gehen in den "Edelweißpiraten" mit unseren Helden direkt in das Trauma hinein, das ist für viele Zuschauer schwer zu ertragen. Andere Filme über den Widerstand/Krieg schneiden an der Stelle, wo der Horror beginnt. Bis auf "Die Brücke" gibt es keinen deutschen Film, bei dem die Protagonisten in das Leid wirklich hineingehen. Wenn die Amerikaner einen Film über Vietnam machen, wird das nicht ausgespart. Bei uns hingegen findet das Leid auf der anderen Straßenseite statt, da wird ein Jude verprügelt, dessen Namen man nicht kennt, und das ist dann sozusagen ein Sinnbild des Holocaust. Beim "Untergang" wurde ja sogar geschnitten, als Hitler sich erschoss.

In Ihrem Film sind die Folterszenen schwer zu ertragen.

Wobei wir noch die schlimmsten rausgeschnitten haben. In meinen anderen Filmen war ich immer sehr diskret, versuchte mich an der Kunst des Weglassens, aber bei den "Edelweißpiraten" war es mir wichtig, die Dinge zu zeigen.

Bela B. von der Band "Die Ärzte" hat mich in der Rolle des "Bombenhans" überzeugt.

Bela B. kannte ich vorher nicht, nicht einmal die "Ärzte", da ich viel im Ausland gelebt habe. Und der kam dann einfach bei mir zum Casting. Durch Zufall war er der letzte an dem Tag, und er war total gut. Danach sind wir in ein Café gegangen, und plötzlich kamen ganz viele Leute, haben komisch geguckt und Fragen gestellt. Erst da hat Bela erzählt, dass er in einer Band spielt. Es war mir direkt klar: das ist unser Hans Steinbrück.

Die eigentliche Entdeckung des Films ist aber Simon Taal in der Rolle des Peter. Er hat den Wechsel vom Hitlerjungen zum Widerständler sehr gut hinbekommen.

Wir haben bestimmt 600 Probeaufnahmen mit Jugendlichen in Köln gemacht Die Auserwählten haben wir dann 4 Monate geschult. Der Simon ist ein wirklich begnadeter Schauspieler, sehr präzise.

Suchen Sie immer Laien für Ihre Filme aus?

Wo gibt es schon jugendliche Profi-Schauspieler in Deutschland? Wir konnten ja keine Soap-Opera-Kids nehmen, obwohl auch welche von denen beim Casting waren. Für den Karl haben wir auch niemanden gefunden in Deutschland. Diese innere Aggression, dieses Brodeln, das für die Rolle benötigt wird, hat bei allen deutschen Bewerbern gefehlt. Den Darsteller Iwan Stebunov habe ich dann in St. Petersburg auf der Straße getroffen. Iwan ist ein Jude aus Sibirien, damals ein Laie, in Russland wird er jetzt ein Star.

Warum haben Sie in St. Petersburg gedreht?

Als Kulisse benötigten wir hohe Ruinen. Wir fanden sie auf einem alten Fabrikgelände. Die Ruinen mussten dann erst noch mit Spezialbergsteigern von Schlingpflanzen befreit werden. Ein Jahr später hat übrigens Herr Eichinger "unsere" Ruinen für "Der Untergang" benutzt.

Warum haben Sie sich beim Drehen für die Handkamera entschieden?

Faschistische Ästhetik ist immer perfekt. Ich wollte einen antifaschistischen Untergrundfilm machen, einen nicht perfekten Film. Damals hatte ich einen Dokumentar-Film gesehen, den Jugendliche in Sarajevo gedreht hatten, und dachte mir: Genau so will ich es machen. So, als hätten die Edelweißpiraten selbst einen Film über sich gemacht.

Was kann ein Jugendlicher aus Ihrem Film mitnehmen?

Ich bekomme jeden Tag viele Mails und Briefe von Jugendlichen, die überlegen, wie man heute Widerstand leisten kann. Zum Beispiel gegen die globale Erwärmung, zum Beispiel aber auch dagegen, dass ein beliebtes Café im Dorf durch "Starbucks" ersetzt wird. Auch wenn die Mittel des Widerstandes andere sind, nehmen die Jugendlichen einen Impuls aus meinem Film mit, sich zu engagieren. Gerade die letzte Szene des Films lässt bei vielen Zuschauern etwas aufbrechen, manche weinen stark, andere fangen plötzlich an zu erzählen, von ihrem Opa, der auch Nazi war, den sie aber mochten. Über dieses Feedback freue ich mich natürlich.

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