Interview : "Indien war befreiend"

Preisträger Danny Boyle über den Erfolg und die Lehren von Bombay.

Boyle Foto: dpa
Danny Boyle erhielt acht Oscars für seinen Bombay-Film "Slumdog Millionär". -Foto: dpa

Mr. Boyle, vier Golden Globes, sieben Baftas, die Oscars, wie wichtig sind die Preise?



Eigentlich muss man die Ehrungen sofort wieder vergessen, denn um die Ecke wartet die nächste Enttäuschung.

Das klingt sehr weise.

Wenn man lange in Indien ist, bekommt man eine wesentlich entspanntere Einstellung zu unseren westlichen Werten. Ich bin sehr armen Menschen begegnet, die stolz und froh sind, weil sie Arbeit haben und sich selbst ernähren können.

Wie erklären Sie sich den Kassenerfolg von „Slumdog Millionär“?

Im Kern ist es eine „Rocky“-Geschichte: ein Junge aus den Slums, der es an die Spitze schafft, nicht mit Muskeln, sondern mit seinem Verstand. Amerika ist auf dieser Legende aufgebaut. Gerade jetzt brauchen die Zuschauer wohl weltweit jemanden, der ihnen Mut macht.

Warum erzählen Sie das vor dem Hintergrund von „Wer wird Millionär“?


Die Show hat mich vorher nie interessiert, aber sie ist in mehr als 100 Ländern zu sehen. Im Dezember lief sie sogar in Afghanistan an. Unfassbar! Der amerikanische Traum funktioniert einfach überall. Mumbai ideal für die Geschichte: als Stadt unglaublicher Gegensätze, in die tägliche tausende Menschen strömen. Sie ist voller Bettler, aber auch voller Luxus.

Warum haben Sie die religiösen Konflikte nicht weiter thematisiert?

In Indien wohnen mehr Muslime als in Pakistan. Die meisten fühlen sich als Inder, andere hissen in den Slums die pakistanische Flagge. Ich habe nicht genug Kenntnisse, um mich in die religiösen Streitigkeiten einzumischen.

Haben Sie die Terroranschläge erlebt?

Ich bin wenige Tage nach den Attentaten gelandet; die Verwundung war noch spürbar. Die Menschen haben dort die gleichen Ängste, wie ich sie nach dem Attentat auf die Londoner U-Bahn hatte.

Ist Ihr Gefühl, ein Außenstehender zu sein, je gewichen?


Wir haben schnell die Gefahr erkannt, die im Schauwert von Bombay steckt. Ein Sightseeing-Film war das Letzte, was ich wollte. Um dies zu vermeiden, haben wir mit kleinen, beweglichen Kameras gearbeitet und kamen an Orte, wo vorher noch nie ein Filmteam gedreht hat. Irgendwann hatte ich das Gefühl, die Stadt öffnet sich für mich wie für einen Exilanten. Aber ähnlich wie bei „Trainspotting“ blieb nach Drehschluss ein Gefühl der Unvollkommenheit. Hier die Slums, dort die Drogenszene: In beiden Filmen wird der Zuschauer sehr unmittelbar in eine fremde Welt hineingezogen.

Und in beiden gibt es extreme Klo-Szenen.

Ich habe lange über die Szene nachgedacht, in der Jamal durch eine Kloake schwimmt, um ein Autogramm zu bekommen. Sie ist aber ein aberwitziger Kommentar zum Celebrity-Hype.

Ist „Slumdog Millionär“ eine Rückkehr zu Ihren künstlerischen Wurzeln?


Ich habe ein gespaltenes Verhältnis zu meinen Filmen. Ich denke, sie sind grottenschlecht, dann wieder finde ich sie brillant. Bei Studioproduktionen ist man in den Klauen von Controlfreaks und erwischt sich selbst mit der Schere im Kopf. Diesmal musste ich nicht ständig Rechenschaft ablegen – Indien war befreiend für mich. Wir haben kaum geprobt, ich ließ die Schauspieler einfach spielen – weshalb es so viele Anschlussfehler gibt, dass der Film nie einen Oscar für Continuity gewinnen könnte. Was aber am Ende zählt, ist Wahrhaftigkeit.

Interview: Katharina Dockhorn

DANNY BOYLE,
52, erhielt 8 Oscars für seinen Bombay-Film „Slumdog Millionär“. Berühmt wurde der Brite mit bösen Komödien wie „Trainspotting“ und dem Starvehikel „The Beach“.

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