Interview mit Robert Thalheim : "Wer dort wohnt, geht am Lager vorbei - zum Schwimmen"

"Am Ende kommen Touristen": Der Regisseur Robert Thalheim über seinen Idealismus, die Tragik der Zeitzeugen und Alltag im heutigen Oswiecim.

Robert Thalheim Foto: x-verleih
Regisseur Robert Thalheim -Foto: x-verleih

Sie haben selbst in Auschwitz Zivildienst geleistet. Warum Auschwitz?

Ich war sehr idealistisch und geprägt von dem, was uns unsere Achtundsechziger-Lehrer erzählt haben. Ich bin mit einem klaren Weltbild nach Auschwitz gefahren – aber je kleinteiliger das Thema wurde, desto größer wurden meine Fragen. Wie soll man mit der Geschichte umgehen? Ist so ein Museum der richtige Platz? Ist es richtig, 14jährige Jugendliche vor eine Vitrine mit einem Berg von Haaren der KZ-Gefangenen zu stellen?

Ihr Protagonist Sven dagegen kommt völlig unbedarft nach Auschwitz.

Mir war klar, welche Menschen und Situationen ich zeigen möchte. Aber wer sollte hineinführen in diese Welt? Auf zu viel Gutmenschentum und Idealismus reagieren die Leute allergisch. Da landet man bloß bei Figuren, die als unsympathisch empfunden werden.

Idealisten sind unsympathisch?

Es ist merkwürdig, aber heute gelten sie oft so. Jugendliche haben das Thema eher satt, weil sie es ausführlich in der Schule bearbeiten. Durch den Film aber ändert sich die Perspektive. Und das erreicht Sven, der unbedarft dahinkommt.

Sie hätten auch den Ex-Häftling Krzeminski zur Hauptfigur machen können.

Ich wollte einen Deutschen an dem Ort zeigen. Und helfe mir selbst ein wenig mit Svens Blick auf Krzeminski, weil ich auch nicht ganz in diesen Mann hineinschauen kann. Ähnlich habe ich das selber mit ehemaligen Häftlingen erlebt.

Gibt es in der heutigen Gedenkstätte noch ehemalige Häftlinge, die nach der Befreiung ihr ganzes Leben in Auschwitz verbracht haben?

Als ich dort Zivildienst geleistet habe, lebten fünf ehemalige KZ-Häftlinge in Auschwitz, drei davon auf dem Lagergelände in der ehemaligen Kommandantur. Sie haben das Museum mit aufgebaut. In den Fünfzigern herrschte Wohnungsmangel, und da wurden in dem am besten erhaltenen Gebäude Wohnungen für die Museumsmitarbeiter eingerichtet. Sie haben dort auch Familien gegründet.

Führen heute noch ehemalige Häftlinge durch den „Erinnerungsbetrieb“?

Früher waren die Zeitzeugen das Zentrum der Begegnung mit diesem Ort. Heute sind die wenigen, die noch leben, sehr alt. Vor fünf Jahren stellte die moderne Museumsleitung, die ein wirklich gutes pädagogisches Konzept hat, die Frage, ob ein ehemaliger Gefangener ohne pädagogische oder historische Ausbildung überhaupt Gruppen durch das Lager führen sollte. Das ist tragisch: Die eigentlichen Zeugen geraten ins Abseits und sind nicht mehr die besten Vermittler ihrer eigenen Geschichte.

Gerät Auschwitz im Vergleich zu anderen Holocaust-Gedenkstätten ins Abseits?

Im Gegenteil, das offizielle Interesse am Holocaust nimmt zu. Das Museum hatte letztes Jahr eine Million Besucher, vor fünf Jahren war es die Hälfte. Auch das Berliner Holocaust-Mahnmal ist ein Touristenmagnet. Aber die Menschen lassen das Thema weniger nah an sich heran. Je professioneller es vermittelt wird, desto abstrakter wird es.

Wie sind Sie filmisch mit dem Drehort Auschwitz umgegangen?

Ich wollte nicht über den Ort Emotionen erzeugen. In jeder Dokumentation kommt die Geigenmusik aus dem Off, dann wird im unscharfen Bild der Stacheldraht gezeigt. Ich wollte den Ort mit den Augen derjenigen zeigen, die dort wohnen. Die Jugendlichen von Oswiecim gehen am Lager vorbei zum Schwimmen. Andererseits wissen sie genau, dass ihre Stadt überall mit den deutschen Verbrechen gleichgesetzt wird. Wenn sie sagen, woher sie kommen, ist die Party versaut.


Das Interview führte Martin Schwickert.

Robert Thalheim (33), geboren in Berlin, debütierte mit der Arbeitslosen-Komödie „Netto“ (2005). „Am Ende kommen Touristen“, sein zweiter Film, lief im Frühjahr auf dem Festival von Cannes.

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