Interview : "Wir proben das Leben"

Ein Schauspieler-Gespräch mit Henry Hübchen und Corinna Harfouch über Krisen, Trotz, Schmerzgrenzen – und Alkohol am Arbeitsplatz.

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Letzte Klappe. Otto (Henry Hübchen) verpatzt die Szene mit seiner Ex-Geliebten Bettina (Corinna Harfouch). "Whisky mit Wodka"...Foto: Centralfilm

HENRY HÜBCHEN: Ihr beide seid aus dem Westen?

Ja, klar, kann man doch zugeben.

HÜBCHEN: Entschuldigung, aber unsere Herkunft wird ständig breit getreten: Ostschauspieler! „Ostjournalist“ oder gar „Westjournalist“, das liest man nie.

Es ist ja auch Thema bei „Whisky mit Wodka“. Schauspieler Otto, der aus dem Westen kommt und von Henry Hübchen gespielt wird, trinkt Wodka, während sein Ost-Kollege Whisky trinkt. Wie einst bei Whiskytrinker Heiner Müller und seinem Wodka-Freund Robert Wilson.

CORINNA HARFOUCH: Eine spitzfindige Interpretation. Whisky ist älter als die DDR – und Wodka auch.

HÜBCHEN: Das ist alles so lange her. Zwanzig Jahre. Mein Enkel ist 18 und 1,85 groß. Da ist in der Zwischenzeit eine Menge passiert. Ein vollkommen neuer Mensch ist entstanden. Ost und West werden wieder zu Himmelsrichtungen.

HARFOUCH: Keine Fragen zu Ost-West! Da fehlen mir allmählich die Worte.

In Andreas Dresens Film wird mehrfach gefragt: Hat Brecht Sie beeinflusst?

HARFOUCH: Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase findet so etwas lustig. Ist es ja auch, weil es vollkommen bescheuert und von einer unfassbaren Ahnungslosigkeit ist, jemanden so etwas zu fragen! Aber im gegenseitigen Missverstehen kommt man sich ja bekanntlich am nächsten.

Nach der Wende war es sogar ein offizielles Ziel der vereinigten Akademie der Künste: Lasst uns unsere Geschichten erzählen von Ost und West.

HARFOUCH: Es war lustig am Anfang. Aber schnell wurden Bollwerke aufgerichtet. Es ging nicht mehr um Menschen, sondern um Macht und Verteilung.

Es heißt in „Whisky mit Wodka“ auch: Was haben die Russen erreicht? Die Verschiebung der Wodkagrenze nach Westen.


HÜBCHEN: Das ist ein sehr trauriger Satz. Wenn das alles ist, was die mit ihrer Oktoberrevolution erreicht haben! Dafür sind Millionen Menschen gestorben.

Komisch und traurig liegen bei Kohlhaase und Dresen dicht beieinander.

HÜBCHEN: So habe ich das auch gespielt. Intelligenz, gepaart mit Erotik – aber dafür ist Corinna zuständig.

Der Film erzählt vom Beruf des Schauspielers. Ist es schwieriger, einen Schauspieler zu spielen als, sagen wir, einen Polizisten?

HARFOUCH: Natürlich ist es schwer. Denn man möchte gern was Seriöses sagen über den Beruf.

HÜBCHEN: Aber wir spielen ja keine Berufe. Wir spielen Menschen, die nicht nur aus ihrer Arbeit bestehen. Wobei meine Rolle, der Otto, eigentlich kaum ein Leben jenseits des Berufs hat. Wenn er nicht spielt, findet er sich langweilig. Das ist ein Typ, der nie im Leben Verantwortung übernommen hat. Das gibt’s nicht nur bei Schauspielern. Immer nur Beruf, Karriere, du merkst nicht, wie du älter wirst, und irgendwann sieht man in der Ferne schon sein Grab. Und du fragst dich: Was ist eigentlich gewesen? Wie viel Zeit hab’ ich noch? Frauen sind da stärker als Männer, was die Verantwortung betrifft.

HARFOUCH: Ich bin völlig willenlos (lacht). „Whisky mit Wodka“ erzählt nicht wirklich etwas über Schauspielerei. Der Film erzählt von Menschen, die in der zweiten Lebenshälfte angekommen sind und sich wie unter einem Grauschleier fühlen, ein bisschen energielos und leergelaufen.

Die Geschichte erinnert an Harald Juhnke.

HÜBCHEN: Juhnke war der große populäre Trinker. Es gibt und gab viele große Trinker und großartige Schauspieler, aber die kennt ihr alle nicht. Eine ganze Reihe ist das, und da war Harald Juhnke vielleicht noch der kleinste Trinker – aber mit sehr viel Boulevard.

Otto rezitiert einmal ganz still und wunderbar ein Rilke-Gedicht. Kennen Sie selber die Sehnsucht nach anderen Rollen, wie das bei Juhnke schmerzlich der Fall war?


HÜBCHEN: Das sagt Otto ja. Dass er die meisten Drehbücher scheiße findet und sie trotzdem macht. Ein grundsätzliches Schauspielerproblem: Man tut Dinge, von denen man nicht unbedingt überzeugt ist und auf die man letztlich keinen Einfluss hat. Deshalb sind wir oft von unserer eigenen Arbeit entfremdet.

HARFOUCH: Das Entscheidende ist immer die Konstellation. Wir proben am Theater das Leben. Konzentration, Intelligenz, Freude, Spaß, Ernsthaftigkeit – das hängt aber nicht von dir allein ab. Dieses Zusammenspiel ist das Beglückende, aber auch manchmal das Frustrierende.

Kunst und Alkohol: Ist es vielleicht nötig, ein paar Gläser zu kippen, wenn man einen Betrunkenen spielt?

HÜBCHEN: Ich habe das bei meinem ersten Engagement in Magdeburg einmal probiert, weil ein paar von unseren Helden am Deutschen Theater in Berlin bekannte Trinker waren, der große Rolf Ludwig zum Beispiel. Alkohol am Arbeitsplatz, auf der Bühne: Da war ich völlig willenlos, mir war alles schnurzpiepe. Also, ich kann davon nur abraten.

„Whisky mit Wodka“ kommt Ihrem Beruf vielleicht doch näher, als Ihnen lieb ist.


HÜBCHEN: Dieser Otto ist ungemein privilegiert, ein alternder Star. In jedem anderen Job würde man ihn wegen der Sauferei und seiner sentimentalen Auftritte achtkantig feuern. Er hat keinen Grund, sich zu beschweren. Aber er hat auch recht: Nachher sind die Schauspieler die einzigen, die du siehst. Alle anderen, die Regisseure, Techniker, Produzenten, sieht man nicht. Du spielst Fellinis „Stadt der Frauen“ ...

... damals bei Castorf an der Volksbühne ...

HÜBCHEN: ... und schlagartig bist du in der Presse der Mastroianni vom Prenzlauer Berg.

Einmal Italiener, immer Italiener. Im Fernsehen waren Sie ja auch der Commissario Laurenti von Triest.

HÜBCHEN: Ja, darüber will ich mich nicht beschweren, im Gegenteil. Aber wir Schauspieler sind eben die einzigen, die die Köpfe aus den Gräben stecken. Und dann wird mit Tomaten geworfen, oder auch mit Blumen. Da ist man sehr verletzlich.

Sind Sie bei der Außenwahrnehmung, der Selbstbeobachtung empfindlicher geworden – oder legt man sich eine Hornhaut zu?

HARFOUCH: Es gibt viele Dinge, die würde ich einfach gerne besser können. Aber man wird auch leichter, befreit sich von Denkzwängen. Das heißt überhaupt nicht, dass einem die Dinge egal werden, im Gegenteil. Henry zum Beispiel kriegt richtig schlechte Laune, er ist verzweifelt, wenn es nicht so läuft.

HÜBCHEN: Ich hatte mein Leben lang das Problem, dass ich immer perfekt sein wollte. Deshalb habe ich auch mal Physik studiert, vollkommener Quatsch. Physik, die Königin der Wissenschaften musste es sein! Jetzt suche ich gegenüber den Dingen eine andere Gleichgültigkeit. Der Dreh ist fertig, abgeliefert, loslassen, Ende: Das fällt mir schwer. Der Regisseur kann noch versuchen, seine oder unsere Fehler zu korrigieren, zu kaschieren. Und dann fragt man, wir haben doch noch andere Sachen gedreht, warum hat er die nicht genommen? Neuerdings sage ich mir, dann musst du selber Filme machen oder die Klappe halten.

Sie haben Anfang der Neunziger an der Volksbühne mal selbst Molière inszeniert.


HÜBCHEN: Es hat mir viel für meinen Beruf gegeben. Ich verstehe als Regisseur die Leiden der Schauspieler.

Die verständnisvollen Regisseure müssen nicht die guten sein.

HÜBCHEN: Einmal habe ich sogar Corinna besetzt, aber die Aufführung haben wir abgeblasen. Ein Maler malt auch mal ein Bild nicht fertig. Na ja, ein Bühnenbild hatten wir schon, und sie beknieten mich alle, weiterzumachen. War wahrscheinlich geheuchelt. Eigentlich hätten wir zu zweit weitermachen können.

HARFOUCH: Du hast aufgegeben, ich nicht.

HÜBCHEN: Bei Corinna müssen die Schmerzen schon sehr groß sein, bevor sie hinschmeißt.

Wo liegt die Schmerzgrenze? Bei Frank Castorf ging es heftig zu, auch physisch.


HÜBCHEN: Nö, Schauspieler ist ein Ganzkörperberuf, das gehört dazu. Das Schmerzhafte ist das Psychische, auch bei Castorf. Von dem habe ich viel über mich selbst erfahren.

HARFOUCH: Ich habe mal eine Regisseurin erlebt, deren verstaubte Methode darin bestand, den Schauspieler erst zu brechen und ihn dann aufzubauen. Bei mir funktioniert das nicht, es ist nur lächerlich. Man ist als Schauspielerin doch ohnehin immer gedemütigt, von sich selbst, weil man oft nicht weiterkommt, weil man es nicht schafft, eine bestimmte Grenze zu überschreiten.

HÜBCHEN: Es gibt nur ganz wenige Regisseure, die das erkennen und einem über diese Grenze hinweghelfen.

Fühlen Sie sich auf eine Figur festgelegt, auf den mürrischen, komischen Chaoten?

HÜBCHEN: Ich habe nichts dagegen, zweimal dieselbe Rolle zu spielen, aber in tollen Filmen! Sylvester Groth hat in zwei Filmen Goebbels gespielt, sehr gut.

Das Publikum pflegt auch seine Erwartungen, da wären wir wieder bei Juhnke, dem Boulevard und dem Klischee.

HÜBCHEN: John Wayne möchte ich mir lieber nicht als Clown oder romantischen Liebhaber vorstellen. Oder Charlie Chaplin. Ist der vielleicht authentisch? Schreckliches Wort: authentisch. So wie Chaplin läuft doch kein Mensch!

Das Gespräch führten Christiane Peitz und Rüdiger Schaper.

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