Interview : „Wir schicken niemanden ins Dschungelcamp“

Sie wuchs auf mit „Aktenzeichen XY“, heute entscheidet sie mit, was gesendet wird. Bettina Reitz über Politkrimis, Unterhaltung – und wo sie mehr wagen will.

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Bettina Reitz
Bettina ReitzFoto: Doris Spiekermann-Klaas

Bettina Reitz, 50, ist Fernsehdirektorin des Bayerischen Rundfunks. Sie war Geschäftsführerin der Degeto Film. Viele ihrer Produktionen sind preisgekrönt – jetzt wurde Michael Hanekes „Liebe“ für den Oscar nominiert. Reitz ist u.a. Mitglied der Europäischen Filmakademie und lebt in München.

Frau Reitz, am 29. Januar ist für das deutsche Fernsehen ein besonderer Tag.

Ach, ja?

Dann kehrt „Dallas“ zurück. Wenn in der ARD Deutschlands Lieblingsschurke J. R. Ewing sein Haifischlächeln zeigte, war die Nation vorm Bildschirm versammelt. Gerade ist J.-R.-Darsteller Larry Hagman gestorben, aber „Dallas“ lebt weiter. Doch die Fortsetzung der Kultserie läuft überraschenderweise bei RTL. Hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen geschlafen?

Das verschläft man nicht. Ich war damit nicht befasst, vielleicht hat RTL die Rechte in einem Gesamtpaket mit noch anderen Inhalten gekauft. Natürlich gehörten Serien wie „Dallas“ oder „Denver Clan“ im ZDF zu unserer Fernsehidentität. Zumindest in der alten Bundesrepublik wurden wir alle durch amerikanische Filme, Musik und Fernsehformate geprägt. Nur ist das heute nicht mehr so selbstverständlich, wir leben auch kulturell in einer erweiterten, globalisierten Welt.

Deswegen ist „Dallas“ passé?

Ich hätte die Fortsetzung von „Dallas“ mit einem nostalgisch ironischen Augenzwinkern gerne auch bei uns gesehen, aber warum sollen die Kollegen von RTL nicht eine nostalgische Brücke zu uns Öffentlich-Rechtlichen schlagen?

Das klingt aus dem Mund der Fernsehdirektorin eines großen ARD-Senders sehr selbstlos.

Wir sind doch mit den Privaten nicht verfeindet, in den öffentlich-rechtlichen Programmen gibt es auch Schnittmengen. Wir haben im Bayerischen Fernsehen von Sat.1 den „Bullen von Tölz“ übernommen, weil das eine Krimireihe ist, die gut zu uns passt. Ich bin allerdings gespannt, wie die Neuauflage von „Dallas“ trägt, ob und wie die jüngeren RTL-Zuschauer dort mitgehen.

Die ARD besteht aus neun selbstständigen Sendern. Ist diese Struktur zu kompliziert oder zu schwerfällig, schnell zuzugreifen, wenn man „Dallas“ hätte haben wollen?

Das glaube ich nicht. Die Degeto als Tochtergesellschaft aller neun Rundfunkanstalten…

… das ist die zentrale Filmeinkaufsgesellschaft der ARD, deren Chefin Sie kurze Zeit waren, bevor Sie lieber zum Bayerischen Fernsehen zurückgekehrt sind.

Die Degeto kann bei solchen Angeboten in Absprache mit dem Programmdirektor Das Erste, Volker Herres, und uns Direktoren in der ARD-Programmkonferenz durchaus schnell entscheiden. Unsere Frage ist nur immer, ob wir auch genug Sendeplätze haben, in die ein Format passt. Da sind wir leider nicht so flexibel. Wenn man sich das Programmschema für die sieben Wochentage anschaut, ist wenig Platz für spontane Entscheidungen.

Sie gelten als Kennerin und Verfechterin anspruchsvoller Filme in der ARD, und Ihr kreatives Temperament wird allgemein gerühmt. Ist denn ein starres Programmschema, in dem jeder Spielfilm in knapp 89 Minuten passen muss und eine brisante längere Doku über die Rolle der Banken in der Finanzkrise erst zur Geisterstunde läuft, für Sie nicht entsetzlich?

Das Wort „entsetzlich“ geht zu weit. Die Wiedererkennbarkeit und Zuverlässigkeit wird von unseren Zuschauern zu Recht geschätzt. Für Spontanes wie einen „Brennpunkt“ ist ja immer Platz, wenn die politische Aktualität es erfordert. Oder wenn der Fußball in die Verlängerung geht. Trotzdem würde ich mir noch etwas mehr Flexibilität im Ersten wünschen.

Können Sie als Fernsehdirektorin in München daran in absehbarer Zeit etwas ändern fürs Kernprogramm der ARD?

Wir geben Impulse, die Entscheidungen liegen woanders.

Seit Anfang 2013 haben wir die Zwangsabgabe aller Haushalte, die an die öffentlich-rechtlichen Sender geht. Damit steigt der Legitimationsdruck für ARD und ZDF.

Der Gegenwind in der jüngsten öffentlichen Diskussion zeigt, dass wir uns die Legitimationsfrage, wie wir unserem Programmauftrag zur Information, Bildung und Unterhaltung gerecht werden, über das ohnehin täglich notwendige Nachdenken weiter und noch intensiver stellen müssen. Wo stehen und wohin gehen wir? Ich bin dabei überzeugt, dass das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem für die Ausbildung und Stabilisierung der Demokratie in Deutschland nach 1945 und nach 1989 unersetzlich war und ist. Das gilt auch für die Zukunft, gerade in Zeiten schwer verifizierbarer Informationsflut im Internet.

Sie meinen, allein mit RTL, Sat.1 oder ProSieben wären die Deutschen schlechtere Demokraten?

Auch die Privatsender gehören zu unserer demokratischen Kultur. Doch die beruht im Zusammenspiel mit allen gesellschaftlichen Kräften, mit der Presse, mit den Schulen und Universitäten, mit den Verlagen, den Museen, den Theatern und Kinos wesentlich auf dem Angebot an Information und Bildung, das so flächendeckend und umfassend wohl nur die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehprogramme liefern können. Auch im Vergleich mit anderen Ländern ist dies einmalig.

Also ist die Legitimation unbezweifelt und alles kann qualitativ bleiben, wie es ist?

Nein, der Zweifel ist Grundlage von Kreativität und Produktivität. Wir befinden uns in der gesamten Medienwelt in einer Umbruchsituation, das merken Sie genauso in der Zeitung. Das Internet, auch als Fernseh- und Rundfunkplattform, die sozialen Netzwerke, die veränderte Mediennutzung in der jüngeren Generation zwingen zum Überdenken.

Was heißt das?

Die Frage nach dem Vollprogramm. Aber beispielsweise ist im Internet das Problem des Urheberrechts noch ungelöst – eine Herausforderung für alle Autoren und Künstler, für alle Medienproduzenten. Wir haben in den öffentlich-rechtlichen Sendern, finanziert durch die Allgemeinheit, immerhin das Privileg, den gesellschaftlichen Umbruch auf relativ stabiler ökonomischer Basis mitgestalten zu können und in der Flut der Ereignisse für die Bevölkerung eine Orientierung zu schaffen.

Was würden Sie sagen, wenn nun auch die seriösen Buchverlage oder die Presse als Träger von Information, Kultur und Bildung Ansprüche auf einen Teil der Medienhaushaltsabgabe erheben?

Eine legitime Frage, die andere beantworten müssen. Allerdings sollte meiner Ansicht nach die Trennung zwischen freiem Markt und einem wirtschaftlich und politisch unabhängigen Medienangebot erhalten bleiben.

Das Durchschnittsalter des Fernsehpublikums von ARD und ZDF liegt bei 60 Jahren. Sogar bei den Abendnachrichten schauen mehr Menschen unter 30 den Privaten zu.

Das Problem haben wir erkannt, und das kann man nicht per Knopfdruck oder nur mit neuem Studiodesign ändern. In der Glaubwürdigkeit und Vielfalt des Nachrichtenangebots liegen die Öffentlich-Rechtlichen nach allen Umfragen weiterhin an der Spitze. Dennoch: Die Mediengesellschaft zerfällt immer mehr in kleinere Gruppen mit special interests. Diesen differenzierten Wünschen in verschiedenen Generationen und Teilgenerationen kann ein Vollprogramm schwer gerecht werden.

Deswegen gründen ARD und ZDF jetzt einen Jugendkanal?

Deshalb gibt es mehr Spezialprogramme, von KiKa für die Jüngsten, ein sehr erfolgreicher Kanal, bis zu den Kultursendern. Das regionale Interesse an den Dritten ist ungebrochen. Und der gemeinsame Jugendkanal von ARD und ZDF ist unser wichtigstes Projekt für die nähere Zukunft.

Was waren denn in Ihrer Jugend die prägenden Fernseherfahrungen?

Mit 14, 15 Jahren waren das vor allem Tagesschau, Tatort, Aktenzeichen XY, Otto und heimlich tolle Filme im Spätprogramm.

Im Hauptprogramm bildet sich das Ausgreifen nach allen Seiten in einem grassierenden Proporzdenken ab: Weil man alle Generationen erreichen möchte, haben Fernsehkommissarinnen jenseits des Pensionsalters jugendliche Liebhaber mit Migrationshintergrund oder jeder straffällige Ausländer hat im Drehbuch sein politisch korrektes Pendant. Mehr kühne Schärfe könnte man sich, im Gegensatz zu den Privaten, doch öfter leisten.

Die Profilschärfe meint sicher auch eine Abgrenzung vom Programmangebot der Privaten. Was dort oftmals an Erniedrigungen im Nachmittagsprogramm geboten wird, wäre im Öffentlich-Rechtlichen nicht möglich. Und wir schicken abends auch niemanden ins „Dschungelcamp“.

Das steht auch nicht im Programmauftrag.

Aber Unterhaltung schon. Unsere fiktionalen Formate sind vorbildlich. Der „Mittwochsfilm“ in der ARD setzt Maßstäbe. Oder nehmen Sie „Der Turm“ und unsere Themenwoche „Leben mit dem Tod“, von der Presse und den Zuschauern hochgelobt. Ich bin stolz, dass ich mit unseren Koproduktionen und Fördergeldern mithelfen konnte, Kinofilme wie „Das Leben der Anderen“ oder Michael Hanekes „Das weiße Band“ und „Liebe“ zu ermöglichen. Jetzt ist die ARD Koproduzent bei Margarethe von Trottas „Hannah Arendt“-Film mit Barbara Sukowa, alles herausfordernde Stoffe.

Zu den Erfolgen der Öffentlich-Rechtlichen gehört sicher die Förderung der deutschen Kinokultur. Aber im Fernsehen läuft das später fast nie am Wochenende zur Primetime, da wird die deutsche Fernsehfamilie eher seicht gebettet.

Immerhin hat Das Erste sein Sommerkino in der Primetime. Man hat der Degeto als größtem TV-Auftraggeber den angeblich platten Unterhaltungsfilm am Freitagabend vorgeworfen. Da bringt das ZDF den Krimi, unser Krimiplatz ist der „Tatort“ am Sonntagabend, oft mit herausragenden Stoffen. Am Freitag ist auch Unterhaltung legitim, und wir versuchen, das Niveau weiter zu heben. Intelligente Unterhaltung ist halt nicht a priori eine Stärke der Deutschen, seit wir die Billy Wilders ab 1933 vertrieben haben. Aber „Good bye, Lenin!“ und „Wer früher stirbt ist länger tot“ machen Hoffnung.

Intelligente Unterhaltung ist trotzdem eine angelsächsische Domäne. Nicht nur das neue „Dallas“, auch fast alle innovativeren Serienimporte, von „Sex and the City“ und „Ally McBeal“ bis „CSI Miami“, „The Mentalist“ oder ab Februar das viel gerühmte Terroristen-Drama „Homeland“: Man sieht sie seit Jahren nur bei den Privaten.

Das ZDF zeigte gerade „Downton Abbey“.

Erst, nachdem es im Pay-TV und als DVD schon ein Riesenerfolg war. Und „Downton Abbey“ lief am späten Nachmittag.

Da sehen es womöglich mehr Zuschauer.

Trotz der von Ihnen geschilderten Erfolge kritisieren Filmschaffende, dass an den Budgets zuletzt drastisch gespart wird. Das heißt selbst beim „Tatort“ weniger Drehtage, billigere Kulissen, kleinere Geschichten. Es geht um Gelder, die bei Sportübertragungsrechten Peanuts wären.

Sport ist einfach ein Zugpferd. Doch die Kritik nehmen wir ernst. Wir müssen bei Einzelproduktionen umsteuern und ebenso wie bei Dokumentarfilmen wieder mehr Geld auf qualitativ gute Stoffe konzentrieren. Lieber weniger, aber das besser und als fairer Partner am Markt. Bei den schon angesprochenen neuen angelsächsischen Serien sehe ich die größte Anregung in der Dramaturgie: wenn diese über viele Folgen keine in sich abgeschlossenen Sequenzen, sondern eine fast romanhafte durchgehende Handlung entwickeln. Das versuchen wir noch zu selten.

Das gab es innovativ beim „Kriminaldauerdienst (KDD)“ im ZDF – eingestellt. Oder bei Dominik Grafs russisch-deutscher Mafiaserie „Im Angesicht des Verbrechens“ – da beklagte der Regisseur, dass er ins Spätprogramm abgeschoben wurde.

Was leider damit zu tun hatte, dass einige Folgen nicht ab 12 Jahren freigegeben wurden. Über Platzierung lässt sich streiten, doch Dominik Graf brauchen wir, und die Zusammenarbeit geht weiter.

Im US-Fernsehen gab es „West Wing“, eine fiktionale Serie, die im Weißen Haus und im Politikbetrieb Washingtons spielt. Die dänische TV-Kommissarin Lund ermittelt gegen mörderische Intrigen, bei denen die Regierung in Kopenhagen bis hin zum Ministerpräsidenten ins dramatische Visier gerät.

Das lief erfolgreich im ZDF.

Aber in unseren „Tatorten“ und „Polizeirufen“ gibt es höchstens mal dubiose Landräte oder Staatssekretäre. Berlin ist eine beliebte Kulisse, doch die Berliner Republik als Politdrama existiert im deutschen Fernsehfilm bislang nicht. Aus öffentlich-rechtlichem Kleinmut?

Nein. Es hat eher mit unserer speziellen föderalen Struktur zu tun, wir haben neben der Hauptstadt eben auch die Submetropolen. Sicher fehlt das aktuell Hochpolitische. Wir arbeiten uns im Zeitgeschichtlichen aus guten Gründen noch an unseren beiden Diktaturen, am Faschismus, an der DDR ab. Die Berliner Republik als spannende Bühne: Das sehe ich bisher auch nicht im Roman. Helmut Dietl hat es mit „Zettl“ im Kino versucht.

Wäre im Bayerischen Fernsehen ein politischer Krimi über Macht, Wirtschaft, Sex, Korruption mit einer Figur denkbar, die an den seligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß erinnert?

Wenn das Buch gut ist und keine Persönlichkeitsrechte verletzt werden, warum nicht? Hierzu gibt es aktuell auch ein Angebot.

Sie haben als Fernsehdirektorin nie politische Einflussnahmen erlebt?

Es gibt Politiker, die sich missverstanden oder falsch zitiert fühlen und sich äußern. Das kennen Sie in der Zeitung auch. Das ist legitim. Aber Versuche, auf unser Programm direkten Einfluss zu nehmen, habe ich nicht erlebt. Das geht nicht.

Sie haben einen 15-jährigen Sohn. Sieht der überhaupt noch fern?

Er sieht fern, und nicht nur, weil ich seine Mutter bin. Dank der Serie „Türkisch für Anfänger“ und des späteren Kinofilms dazu habe ich richtig bei ihm gepunktet. Manchmal sehen wir „DSDS“ zusammen, aber am liebsten schaut er amerikanische Serien mit seinen Freunden.

Wenn Sie realistisch träumen dürften: Wie sähe für Sie ein idealer Fernsehabend am Samstag aus?

Tagesschau oder unsere Bayerische Rundschau. Dann „Ziemlich beste Freunde“, den Film hat die ARD gerade gekauft, und eine Doppelfolge „Homeland“. Danach eine Dokumentation wie „More than Honey“, eine Gesprächsrunde und schließlich Humor à la „heute show“. Und gegen zwei Uhr noch mal das Wichtigste des Tages mit einem Exklusivinterview.

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