Iranischer Film : Flaschenpost aus dem Iran

Auf einem USB-Stick schmuggelte er seinen regimekritischen Film ins Ausland. Der in Teheran verurteilte Filmemacher Jafar Panahi konnte nur per Skype an der Pressekonferenz mit Ko-Regisseur Mojtaba Mirtahmab teilnehmen.

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Jafar Panahi
Jafar PanahiFoto: dpa

Jafar Panahi ist dabei. Per Skype kann er an der Pressekonferenz in Cannes teilnehmen: Ein junger Kollege hält seinen Laptop in die Höhe, damit der zu 20 Jahren Berufs- und Reiseverbot sowie zu sechs Jahren Haft verurteilte iranische Filmemacher das Geschehen mitverfolgen kann, zu Hause in Teheran. Auf dem Podium wiederholt sein Ko-Regisseur Mojtaba Mirtahmasb gerade den Satz des altiranischen Weisen Zarathustra, den er schon bei der Weltpremiere von „This is not a Film“ zitiert hatte: „Wer die Dunkelheit bekämpfen will, braucht kein Schwert, sondern muss eine Kerze anzünden.“ Wer wie Panahi nicht filmen darf und es trotzdem tut, wer wie in „This is not a Film“ ein von den Behörden abgelehntes Drehbuch im eigenen Wohnzimmer nachspielt, der erhellt auf seine Weise die Dunkelheit.

Auf dem Podium sitzt außerdem Serge Toubiana, Chef der Pariser Cinémathèque française und Kenner des iranischen Kinos. Von ihm und Mirtahmasb erhofft man sich Erhellendes zur verworrenen Nachrichtenlage, was die in Iran drangsalierten Filmemacher angeht, aber so einfach ist es nicht. Einerseits konnte Mirtahmasb ohne Probleme nach Frankreich kommen. Andererseits ist Panahis ebenfalls verurteilter Kollege Mohammed Rasoulof nun doch nicht hier. Sein Reiseverbot wurde aufgehoben, aber ein Visum offenbar nicht erteilt. In Cannes kursiert noch eine andere Version: Rasoulof habe nicht ohne Panahi reisen wollen.

Noch ein Widerspruch: Gedreht wird viel in Iran, mit offizieller Erlaubnis – wie Rasoulofs offen regimekritischer Cannes-Beitrag „Good Bye“ - oder auch ohne Genehmigung, wie “This is not a Film“. Das Festival hat Panahi und Mirtahmasb förmlich eingeladen, die iranischen Behörden wussten also genau, warum Mirtahmasb nach Frankreich fliegt. Der Film selbst musste jedoch regelrecht außer Landes geschmuggelt werden. In einem USB-Stick, der in einem Kuchen versteckt war. Eine in Paris lebende Iranerin hatte ihn im Gepäck, wie die Übersetzerin verrät.

Mirtahmasb spricht leise, das weiche persische Idiom klingt für uns westliche Ohren immer ein wenig nach uralter Poesie. Was riskiert der Filmemacher persönlich? Wie steht es um die Revision der Verurteilten? Warum wird er nicht einfach übers Internet verbreitet? Hilft öffentlicher Druck? Mirtahamasb antwortet nicht direkt, spricht in Metaphern, sagt schlichte Sätze, die einen begreifen lassen, was künstlerische Arbeit und öffentliche Äußerungen unter den Bedingungen einer Willkür-Herrschaft bedeuten: „Wir bekämpfen nicht das Regime, aber wir wollen Filme machen. Und wir leben lieber in Freiheit, als Helden im Gefängnis zu sein.“

Die Situation bleibt also heikel, widersprüchlich, gibt aber auch Anlass zur Hoffnung. Normalerweise wird über die Revision eines Urteils spätestens nach einem Monat entschieden. Seit dem harschen Verdikt gegen Panahi und Rasoulof sind bereits fünf Monate vergangen - ein gutes Zeichen. Zumal die Behörden untereinander uneinig sind, wie Serge Toubiana ausführt. Ein Filmemacher hat mit den iranischen Filminstitutionen zu tun, mit dem Kulturministerium und der Justizbehörde, die wiederum den politischen und religiösen Autoritäten unterstellt sind. Eine gemeinsame Linie haben sie nicht.

Das bedeutet permanente Gefahr, eröffnet aber auch Chancen. „Wir haben gelernt, mit einem Minimum an Möglichkeiten zu arbeiten“, sagt Mirtahmasb. Der Gedanke an die vielen unverfilmten oder wie bei Panahi wenigstens nachgespielten Drehbücher macht ihn traurig. Er selbst arbeitet gerade an einem Filmprojekt über die Leute, die die Landminen an der Grenze zum Irak beseitigen helfen. Wir müssen genau sein, mahnt Toubiana die Journalisten: Das Risiko für Mirtahmasb liegt nicht in seiner Reise nach Cannes, sondern in seiner Rückkehr nach Teheran. Darf er wieder in sein eigenes Land? Mirtahmasb, Panahi, Rasoulof, sie wollen nicht ins Exil, sondern Geschichten aus Iran für die Iraner erzählen.

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