Irene von Alberti : "Tangerine" überzeugt

Touristen zwischen zwei Welten: Mit einem hochagilen Ensemble erkundet Irene von Alberti in "Tangerine" die fließenden Grenzen zwischen Freundschaft, Liebe und Prostitution, zwischen orientalischen und westlichen Lebensvorstellungen.

Martin Schwickert

Die marokkanische Hafenstadt Tanger ist die Nahtstelle zwischen Afrika und Europa. Von den dicht besiedelten Bergen hoch über dem Hafen scheinen das spanische Festland und die Träume von einem besseren Leben zum Greifen nah zu sein. Gleichzeitig hatte die ehemalige freie Hafenstadt immer eine große Anziehungskraft für Künstler und Schriftsteller aus Europa und den USA. Paul Bowles, Truman Capote und Tennessee Williams ließen sich hier vom Orient inspirieren.

Auch Pia (Nora von Waldstätten) und Tom (Alexander Scheer) machen sich in Irene von Albertis „Tangerine“ zusammen mit ein paar anderen Musikern auf die Suche nach den Klängen arabischer Musik. Abends in einer Diskothek treffen sie auf die Tänzerin Amira (Sabrina Ouazani) und lassen sich von ihrem sagenhaften Hüftschwung betören. Beide erliegen schon bald Amiras Charme und es entsteht eine wankende Dreiecksbeziehung, in der die schöne Tänzerin die große Unbekannte bleibt.

Den Touristen aus Berlin erzählt sie von ihrem liberalen Elternhaus und späteren Jurastudium in Europa. Dabei ist Amira gerade von zu Hause abgehauen, weil ihr Onkel sie mit einem Unbekannten verheiraten will, der die Braut mit einem billigen Mittelklassewagen auslösen möchte. Jetzt wohnt sie mit Neshua (Naima Bouzid) und ihren Freundinnen zusammen, die aus den engen traditionellen Lebensentwürfen ausgebrochen sind und sich als illegale Prostituierte durchschlagen. In den Nachtclubs gabeln sie betrunkene Touristen auf und hoffen, mit einem von ihnen das begehrte Visum nach Europa zu bekommen. Für Amira ist Tom die große Chance auf ein anderes Leben und sie verführt den selbstgefälligen Kerl nach allen Regeln der Kunst. Während für das Berliner Musikerpaar die Dreierbeziehung nur ein Experiment darstellt, ist für Amira die Affäre von existenzieller Bedeutung für ihre Lebensträume.

Mit einem hochagilen Ensemble erkundet Alberti in „Tangerine“ die fließenden Grenzen zwischen Freundschaft, Liebe und Prostitution, zwischen orientalischen und westlichen Lebensvorstellungen. Dabei bleibt sie immer nah an den Figuren, lässt die unterschiedlichen emotionalen Interessen des Touristenpaares und der Auswanderungswilligen gleichberechtigt aufeinanderprallen, ohne sie mit ideologisch-moralische Ballaststoffen zu überfrachten. Der Luxus, mit der Liebe experimentieren zu können, und die Notwendigkeit, sie als ökonomischen Tauschwert zu benutzen – beide Seiten werden hier gründlich ausgeleuchtet und spiegeln in einer ganz persönlichen Geschichte die globalen Machtverhältnisse.

Central (OmU), Kino in der Kulturbrauerei, Moviemento, Neue Kant Kinos

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben