Justizfilm : Die einzige Zeugin

Schweigen oder Sühne: Hans-Christian Schmids "Sturm" über die Wunden der Balkankriege.

Caroline Fetscher
Marinca
Wer spricht, lebt. Mira Arendt (Anamaria Marinca) will vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag aussagen. -Foto: Piffl

Sie könnte unsere Nachbarin sein, sagt der Regisseur. Sie soll genauso wirken, und sie tut es. So hat Hans-Christian Schmid eine der beiden Protagonistinnen von „Sturm“ entworfen, als eine unauffällige Frau von nebenan, mit weichen Gesichtszügen und blonder Kurzhaarfrisur. Jene Mira Arendt trug vor ihrer Ehe einen jugoslawischen Nachnamen, sie lebt nun mit ihrem deutschen Mann und zwei gemeinsamen Kindern in Berlin in einer Etagenwohnung. Sie bringt die Kinder zur Schule und zum Musikunterricht, sie geht einkaufen, führt den Haushalt, wirkt ein wenig verschlossen. Dass in Mira Arendt ein innerer Orkan tobt, merkt niemand, nicht mal ihr Mann. Anfang der neunziger Jahre hat sie ein Vergewaltigungslager in Bosnien überlebt. Die Zeit, vor allem die Details, will sie vergessen. Etwa dieses: Damit der Atem der panischen, im dreckigen Keller eines Hotels im idyllischen Gebirge eingesperrten Frauen besser roch, gaben ihnen die serbischen Marodeure vor dem erzwungenen Sex Mentholdragees ohne Zucker.

Derlei Details sind mitnichten Fiktion. Hans-Christian Schmid, der mit Co-Autor Bernd Lange drei Jahre genau recherchierte, weiß das. „Sturm“ ist ein Film über die zunächst unwillige Zeugin Mira (Anamaria Marinca) und die Anklägerin Hannah Maynard (Kerry Fox) vor dem Hintergrund der internationalen Strafjustiz. Mehrere Drehbuchfassungen gab Schmid einer Mitarbeiterin der Anklagebehörde am Uno-Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien in Den Haag zu lesen. Hildegard Uertz-Retzlaff, die bescheidene, engagierte Strafrechtlerin aus Deutschland, hat Rechtsgeschichte geschrieben, als sie nachwies, dass sexuelle Gewalt gegen muslimische Frauen in Bosnien systematisch als Terrormittel gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt wurde.

Durch die Pionierarbeit der Juristin wurden – erstmals in der Geschichte – Vergewaltigungen als Kriegsverbrechen anerkannt. Wenn es ein Vorbild für die Figur Hannah Maynard gibt, kommt Uertz-Retzlaff ihr wohl am nächsten. Die in London lebende Rumänin Anamaria Marinca, berühmt geworden durch Cristian Mungius Abtreibungsfilm „4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“, spielt die junge Bosnien-Deutsche mit weicher Zurückhaltung und trifft den melancholischen Unterton der Resignation, der viele Opfer in ihrer Lage kennzeichnet. Ihr Aufbruch in die Aussage, in den Zeugenstand, wirkt weniger wie eine Wandlung, er legt vielmehr eine weitere Schicht unter der nach außen duldenden Haltung frei. Erkennbar wird: Hier hat sich bereits jemand gewehrt, und das auf subtile, vielleicht „weibliche“ Weise.

Wie aber erzählt man eine Geschichte, die noch gar nicht vorbei ist? Eine Geschichte, die bis heute aus Albträumen und Entsetzen besteht, aus Gewalt und Betrug, aus Verschleiern, Leugnen – und dabei auch die Geschichte einer mühsam, langsam arbeitenden, hochkomplexen Justiz? Die jüngsten Überlebenden der Zerfallskriege Jugoslawiens sind inzwischen gerade mal Teenager. Die den Krieg bewusst erlebt haben, sind im Exil verstreut um die halbe Welt oder leben in den neuen, lethargischen Nachkriegsnationen Ex-Jugoslawiens. Aber alle Überlebenden und Angehörigen der Ermordeten hoffen auf Gerechtigkeit, nicht zuletzt durch das Tribunal. Ins Leben gerufen 1993 als kleines Büro, ist es inzwischen eine Strafjustizbehörde, die jährlich über 120 Millionen Dollar erhält und mehr als tausend Mitarbeiter aus 80 Nationen beschäftigt.

An diesen gigantischen, zeithistorischen Stoff hat sich Hans-Christian Schmid („Requiem“) gewagt, der selber noch Filmstudent in München war, als der Krieg in unserem Urlaubs-Jugoslawien losbrach. Und tatsächlich ist bisher noch keine fiktive filmische Verarbeitung diesem Thema gerechter geworden. Die entschlossene Den Haager Anklägerin Hannah Maynard will den Serben Goran Duric hinter Gitter bringen – ein Politiker mit Anzug und Krawatte, ein Mann in den besten Jahren. Bei der „ethnischen Säuberung“ Bosniens soll er eine Schlüsselfigur gewesen sein. Um ihn zu überführen, braucht Maynard als Zeugin die Frau, die vergessen will – es scheint kein Zufall, dass sich aus Vor- und Nachnamen der Anklägerin und der Zeugin der Name der Totalitarismuskritikerin Hannah Arendt ergibt.

Als sich Mira auf das Risiko der Aussage einlässt, eskaliert das Geschehen so sachte wie dramatisch. Bei aller Dynamik verpackt „Sturm“ seine Botschaften diskret: Internationale Justiz ist eine gute Sache, ja. Aber die Praxis der Prozesse, zwischen Bürokratie und Emotion, ist notgedrungen ambivalent. „This is no fucking therapy!“, schleudert ein Mitarbeiter des Tribunals der zornigen Anklägerin entgegen, als die bereits als Zeugin angereiste Mira dann doch nicht aussagen soll. Kerry Fox gibt die Staatsanwältin, deren Entwicklung zur persönlichen Anwältin, ja, Patin der Zeugin fast utopisch wirkt, denn sie scheint der pragmatischen No-Nonsense-Position ihres Brüsseler Liebhabers näher. Gerade als sie das Los der Zeugin Mira gepackt hat, wird deren Aussage verhindert. Nein, entscheidet das Gericht, zu viele Zeugen, zu langes Verfahren, Schluss jetzt. Maynard ist es, die der jungen Frau klarmachen soll, dass ihre wichtigste Aussage hier nicht gebraucht wird.

Genau so kann es gehen, so pragmatisch, taktisch, bürokratisch, ohne dass eine Verschwörung am Werk sein muss. Konfrontiert mit der Flut der dokumentierten Gewalttaten, der Masse der Zeugen und der juristischen Erfordernisse, müssen Tribunale wie Den Haag mitunter „Schnitte“ machen und Empathie wie ein Luxusgut behandeln, dass man sich nicht immer leisten kann. So bleibt Mira Arendt zunächst mit ihrer Wut allein. Dann aber passiert doch noch etwas Überraschendes.

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