Kino : Kaimane und Krokodile

Morettis Berlusconi-Abrechnung „Der Italiener“

Christina Tilmann

Niemand hat die Absicht, die Parlamentswahlen zu beeinflussen, hieß es Ende März 2006 in Italien, als Nanni Morettis Film „Il Caimano“ ins Kino kam. Zwei Wochen später sollte das italienische Volk über Berlusconis Zukunft abstimmen. Im Zentrum von Morettis Film, der mit Ach und Krach rechtzeitig fertig geworden war, steht ein korrupter Politiker (gnadenlos eitel gespielt von Elio de Capitani), der Medien und Justiz manipuliert und am Ende in einem spektakulären Prozess zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wird. Moretti selbst war seit 2001 immer wieder als engagierter Berlusconi-Gegner aufgetreten, hatte auf Großdemonstrationen und Bürgerversammlungen gegen die Mitte-Rechts-Regierung protestiert und die italienische Linke zu mehr Zusammenhalt aufgefordert. Am Ende von „Il Caimano“ übernimmt er selbst die Rolle von Berlusconi, das Land versinkt in Chaos und Bürgerkrieg. Aber niemand hatte die Absicht, die Parlamentswahlen zu beeinflussen.

Berlusconi hat die Wahlen verloren, im April 2006. Morettis Film lief im selben Jahr noch in Cannes und wurde in Italien mit mehreren Donatellos gefeiert. Nun kommt er, mit über einem Jahr Verspätung, auch in die deutschen Kinos. Die politische Mission ist längst Geschichte, die neuen Berlusconis sitzen vielleicht in Polen. Und die Frage heißt, was bleibt jenseits der Politik vom Film als Film. Die Antwort heißt: Ein echter Moretti. Denn politisch, ja agitatorisch waren seine Filme schon immer, von „Palombella Rossa“ bis „Aprile“ – und gleichzeitig auch sehr privat. Der Regisseur als politisch denkendes Wesen, so hat sich Moretti immer präsentiert. Auch „Il Caimano“ (der auf Berlusconis reptilienhafte Gestik anspielt und in Deutschland unter dem sinnigen Titel „Der Italiener“ läuft) ist ein sehr privater Film, und in dieser Privatheit liegt seine Kraft. Und eine seltsame, anrührende Bitterkeit.

Im Zentrum steht eine Beziehungskiste. Filmproduzent Bruno Bonomo (Silvio Orlando, der in fast allen Moretti-Filmen mitgespielt hat) steckt in der Midlife-Crisis. Der von ihm produzierte Film „Katarakt“ um die militante Kämpferin Aida, ein Trash-Streifen im Stile von Quentin Tarantino, taugt bestenfalls noch, um seine kleinen Söhne abends in den Schlaf zu erzählen. Seine Ehe mit Paola, der Darstellerin der Aida (Margherita Buy), ist derweil, na, nicht zerbrochen, aber langsam zerbröselt. Und das Drehbuch der jungen Teresa (Jasmine Trinca, bekannt aus „La meglio gioventù), das diese ihm zusteckt, wird von allen Fernsehsendern zurückgewiesen: Zu offensichtlich kritisiert es Berlusconi.

Mag sein, Moretti will zu viel und gibt zu viel, wie immer. Verarbeitet seine Krise als Regisseur (sein letzter Film „Das Zimmer meines Sohnes“ lief 2001), seinen Schmerz über die zeitweilige Trennung von seiner Frau und den Frust über Italiens politische Kaste, über die gekauften Medien und niveaulosen Fernsehsendungen. „Il Caimano“ ist ein Kaleidoskop-Film, Moretti durchmischt die Handlung mit Traum- und Fantasiesequenzen, in denen Teresas Drehbuch schon beim Lesen als fertiger Film abläuft, stellt hingebungsvoll die Kampf- und Splatterszenen aus „Katarakt“ nach, lässt Hauptdarsteller Silvio Orlando ähnlich exaltiert agieren wie Roberto Benigni. Und packt uns doch immer wieder, mit Szenen wie dieser: Nach dem Treffen beim Anwalt halten die frisch Geschiedenen lange Zeit im römischen Berufsverkehr nebeneinander die Spur, tauschen traurige Blicke, und irgendwann schaltet eine Ampel um und trennt sie für immer. Ja, auch sentimental ist Moretti, bei aller satirischen Schärfe, sehr anrührend sentimental. Das bleibt, nach aller Politik.

In den Kinos Nickelodeon, Filmkunst 66 Kino (OmU) und fsk am Oranienplatz (OmU).

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