"Karger" : Silhouetten der Sprachlosigkeit

Und die Bewohner von Riesa spielen sich selbst: „Karger“, ein ostdeutsches Arbeitslosen- und Ehescheidungs-Melodram. Warten aufs Aufwachen.

Kerstin Decker
Karger
Kargers Dasein: Der ewige Tag nach dem großen Rausch. -Foto: Novapool Picture

Sein Gesicht könnte einmal hübsch gewesen sein. Ein wenig nichtssagend, aber doch der Typ, den die Mädchen mochten. Stahlwerker, breites Kreuz, starke Fäuste – was sollte einem wie Karger im Leben passieren? Die Wochenenden verbrachte er bei den Konzerten irgendwelcher schräger Bands. Das waren die Achtziger in Riesa, die Achtziger überall im Osten.

Heute ist Karger Anfang vierzig. Er trägt noch die Jeansjacke von früher. Zu Beginn des Films geht er sogar noch ins Stahlwerk. Er ist zu alt für die Bands von heute. Und hübsch ist Karger schon lange nicht mehr. Nur der etwas harmlose Ausdruck ist geblieben. Und Riesa.

Vielleicht ist das das Unheimlichste: dass er aus Riesa nie weggegangen ist. Als Regisseurin Elke Hauck irgendwann zurückkam in ihre Heimatstadt, haben die Immerdagebliebenen sie am meisten irritiert. Solche wie Karger.

Vielleicht ist „Karger“ der erste je in Riesa gedrehte Film: Welch traurige Stadt-Silhouette, hier passt nichts zusammen. Alle Riesaer spielen sich selbst. Und sprechen riesaisch, denn das gehört zu den Grundrechten eines Riesaers. Der Maurer, Hochbaumeister und gescheiterte Gründer einer Riesaer Baufirma Jens Klemig spielt den Rohrwalzer Karger. Die Tierpflegerin Marion Kuhnt ist Ehefrau Sabine und die alleinerziehende Hotelfachfrau Anja Dietrich, die lange arbeitslos war und seit kurzem in einem „Netto“-Markt beschäftigt ist , spielt die Gelegenheitsfrau, in deren Leben Karger sich flüchtet.

Alle Unbeholfenheiten sind unbedingt authentisch. Und Kargers Ehescheidungstermin am Anfang auch. Vielleicht sogar der gemeinsame Kaffee nach dem Termin, den Karger sowieso nicht wahrhaben wollte. Fast alle Riesaer, die Elke Hauck traf, haben schon Trennungen hinter sich. Es waren immer zugleich Abschiede von ihrer Jugend. Dann schlafen sie noch einmal miteinander, Karger und seine Nun-nicht-mehr-Frau, weil man auch einen solchen Tag irgendwie zu Ende bringen muss. Die ganz normale Abstrusität. Aber Szenen wie diese glaubhaft zu machen – es gibt mehrere davon –, das ging über die Möglichkeiten der NichtSchauspieler, wie das Unbeholfene manchmal sehr schön, manchmal aber auch ärgerlich ist.

Der Film wirkt seltsam unverdichtet, wie ein Probestück. Es ging darum, eine Sprachlosigkeit zum Sprechen zu bringen, eine Sprachlosigkeit dem Leben gegenüber. Irgendwann schien Kargers Dasein wie der ewige Tag nach einem großen Rausch. Eine immerwährende Ernüchterung, ein nie endender Kater. Und Kargers immer etwas verschwommene braune Augen scheinen die eines Tagschläfers zu sein. Als ob er aufs Aufwachen warte. Er kann sich nicht wehren, so wenig wie man sich im Traum manchmal wehren kann. Ein schönes somnambules Thema. Aber es ist kein Ken Loach aus Sachsen geworden. Kerstin Decker

fsk am Oranienplatz

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