Katharina Thalbach : So ’ne kleine Frau

One-Woman-Show für Katharina Thalbach: Bernd Böhlichs "Der Mond und andere Liebhaber" ist ein Märchen, ein Kinomärchen.

Kerstin Decker
Thalbach
Ihre große Liebe. Gansar (Birol Ünel) mit Hanna (Katharina Thalbach). -Foto: neue visionen

Es gibt ein Lied von „Silly“, der Rockgruppe, die die Musik machte zum Untergang der DDR. Es war die Rhetorik der Einsamkeit und des Trotzes, und dass sie manchmal ein wenig unbeholfen schien, war egal. Es war auch egal, ob man diese Musik mochte oder nicht, denn „Silly“ drückten viel mehr aus als sich selbst, eben die Atmosphäre einer Endzeit. „So ’ne kleine Frau“ war einer ihrer stärkeren Titel. Im Nachhinein erst wird klar, wie sehr die „kleine Frau“ in die DDR gehörte: allein mit kleinen Kindern, vom Wort „Karriere“ hat sie noch nie was gehört – eigentlich ist alles gelaufen, vor allem das Leben. Aber noch immer erwartet sie alles.

So ’ne kleine Frau ist die Heldin von Bernd Böhlichs neuem Film. Das Kinodebüt des Dresdners, 1957 geboren, war im letzten Jahr ein Überraschungserfolg: „Du bist nicht allein“. Der Nachfolger ist ein Märchen, ein Kinomärchen. Sagt Böhlich. Warum macht es misstrauisch, wenn jemand seinen Film Märchen nennt? Weil es nach selbst gewählter Entlastung klingt?

Die kleine Frau von damals ist älter geworden, über fünfzig. Gleich zu Beginn, es muss kurz nach der Wende sein, wird Hannas Werk geschlossen – und weil wir hier im Kino sind, wie es nicht sein sollte, wird es nicht nur geschlossen, sondern fliegt in die Luft. Hanna kann gerade noch eine junge Arbeitskollegin (Fritzi Haberlandt in einer schönen, leisen Rolle) retten, die sich gleich mit in die Luft sprengen lassen wollte.

Da wissen wir schon, dass Hanna lieber „Stulle“ isst statt in der Mittagspause auszusuchen, ob sie lieber was vom Italiener oder vom Inder will. Welche kleine Frau des Landes, schon etwas älter, kann das Wort „Stulle“ wie ein Bekenntnis sprechen? Es gibt keinen proletarischen Charme, und bei Frauen schon gar nicht? Katharina Thalbach versteht sich als Gegenbeweis. Nur dass das, was einmal Charme und große Originalität war, längst – und immer peinigender – zu dem geworden ist, was man Masche nennt.

Hellsichtige Gottesskeptiker äußern gern den Verdacht, der Allmächtige spiele nur mit uns, um sich ein wenig die Ewigkeit zu vertreiben. Nur: Ist Böhlich Gott? Erst nimmt er seiner Hanna die Arbeit weg, dann die Tochter (eine in ihrer beiläufigen Grausamkeit starke Szene), dann diverse Liebhaber, schließlich einen Arm ... Ja, was will der denn beweisen? Dass unser Glücksanspruch jede Katastrophe übersteht? Das ist schlicht dämlich. Im Leben spräche das gegen den Menschen, hier spricht es nur gegen den Regisseur.

Kurz nach der Betriebssprengung hört Hanna ein „Silly“-Konzert, steht ganz nah vor der Bühne und versinkt in der Musik wie eine Siebzehnjährige. Sind „Stullenesser“ eigentlich zu „Silly“-Konzerten gegangen? Die Frau da oben ist auch nicht Tamara Danz, das Gesicht der späten DDR, die an Krebs starb. Obwohl die Neue fast so klingt, wiedergängerhaft, gespenstisch gleich. Nur in den Nuancen stimmt nichts mehr. Wie in diesem Kinomärchen, das kein Märchen ist. Sondern Kolportage.

Babylon Kreuzberg, Cinemaxx Potsdamer Platz, Cinestar Treptow, Freiluftkino Friedrichshagen, Hackesche Höfe, International, Kant, Kulturbrauerei, Union.

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