Kino aus China : Der neue Surrealismus

Regisseur Jia Zhang-ke über das chinesische Kino, die Zensur – und geschmeidigen Kollegen. Er gilt als einer der bedeutenden jungen Talente des Landes.

Jia Zhang-ke
Einer der jungen erfolgreichen Regisseure aus China: Jia Zhang-keFoto: promo

Ihr Debüt „Pickpocket“ machte Sie für die chinesischen Behörden zum subversiven Element. Inzwischen sind Sie international anerkannt: Wird dadurch Ihr Leben als Regisseur in der Heimat leichter?

Die Haltung der chinesischen Behörden gegenüber meiner Arbeit hat sich nicht geändert. Andererseits stimuliert mein Erfolg im Ausland junge chinesische Regisseure und macht ihnen Mut. Zum Glück wird zunehmend über chinesische Regisseure in den chinesischen Medien berichtet, so dass wir unsere Meinung zu oft auch heiklen Themen äußern können. Im Kino waren in den letzten zwei Jahren zwar vor allem Kung-Fu-Reißer oder spektakuläre Historiendramen erfolgreich, aber das Publikum interessiert sich immer stärker für Filme über die heutige chinesische Wirklichkeit.

Sie sind als Regimekritiker bekannt. Wie haben Sie da trotzdem am Drei-Schluchten-Staudamm drehen dürfen?

Die Behörden sorgten sich sehr um die Botschaft des Films. Anfangs wollten die Zensoren den Originaltitel „Die guten Menschen von den drei Schluchten“ ändern, weil der Staudamm darin nicht auftauchen sollte – obwohl mein ganzer Film dort spielt! Schließlich wurde das Projekt genehmigt, weil der Staudamm, für den Hunderttausende umgesiedelt werden mussten, unwiderruflich Teil der chinesischen Realität ist. Mein Film spricht das Schicksal einer Menge Menschen an: Daran konnte letztlich auch die Regierung nicht vorbeigehen.

Wurde „Still Life“ denn in China gezeigt?

Er kam im Dezember 2006 ins Kino – absichtlich gleichzeitig mit Zhang Yimous „The Curse of the Golden Flower“, damit das Publikum die Unterschiede und Qualitäten der beiden gegensätzlichen Genres vergleichen kann.

Früher waren Zhang Yimous Filme sozialkritisch, aber nach vielen Problemen mit den Zensoren macht er nun in der Vergangenheit spielende Mainstream-Spektakel. Sehen Sie sich dagegen weiter als Hüter des sozialkritischen Kinos in China?

Ich finde, jeder Film – welchem Genre er auch immer angehört – sollte mit unserer heutigen Realität verbunden sein. Auch Kung-Fu-, Horror- oder andere kommerzielle Filme können etwas über unsere Zeit aussagen. Zhang Yimous Hinwendung zum rein kommerziellen Unterhaltungskino mag verständlich sein, denn unsere Filmindustrie steht noch immer auf tönernen Füßen. Aber es ist sehr schade, dass er in seiner Arbeit ganz auf den Kontakt zum Heute verzichtet und auch seine politische Überzeugung so radikal geändert hat. Zuletzt in „ Hero“ zum Beispiel verteidigte er letztlich die bestehende Macht und das politische System, so wie es sich heute darstellt.

Der Star-Regisseur des offiziellen Chinas, Chen Kaige, behauptet gegenüber der westlichen Presse, er verberge in seinen kommerziellen Schlacht-Epen subversive Botschaften gegen die Konsumgesellschaft.

In seinem jüngsten Film sehe ich keinerlei Spur von Gesellschaftskritik.

Die drohende Flutung der Landschaften und Städte: Ist das Staudamm-Projekt in Ihrem Film auch ein Symbol dafür, dass das aufstrebende China seine Vergangenheit überfluten will ?

Es geht mir um die individuelle Amnesie der Chinesen. Unsere Gesellschaft ist krank: Sie will ihre Zukunft darauf aufbauen, dass sie ihre Vergangenheit auslöscht. Ich zeige dagegen durch meine Figuren, wie Dinge in Vergessenheit geraten. Wir erleben mit ihnen, dass dies ein schmerzhafter Prozess ist. Sie versuchen zunächst, ihre Vergangenheit, ihre Ehe und Familie zu vergessen – und dann merken sie, wie wichtig die Erinnerung ist. „Still Life“ erzählt davon, dass man die Gegenwart nur gestalten kann, wenn man die Probleme der Vergangenheit löst. Deshalb drehe ich demnächst einen Film über das Jahr 1949: Damals siegten die Kommunisten über die Nationalisten, die nach Taiwan fliehen mussten. Nach fünf Filmen über die zeitgenössische Realität Chinas will ich einen historischen Stoff nutzen, um die Ursachen unserer heutigen Probleme beim Namen zu nennen.

Eine Szene in „Still Life“ ist dagegen geradezu futuristisch geraten: Per Spezialeffekt schicken Sie einen riesigen Betonklotz wie eine Rakete zum Himmel.

China entwickelt sich derartig schnell, dass es zu einer Menge surrealer und unlogischer Situationen kommt. Der Surrealismus ist unsere neue Wirklichkeit.

Das Gespräch führte Marcus Rothe.

Jia Zhang-Ke, 1970 geboren, ist einer der wichtigen jungen Regisseure Chinas. Nach „Pickpocket“ und „Platform“ wurde er mit „Still Life“ 2006 Sieger beim Filmfestival Venedig.

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