Kino : Chaplins Wiederkehr

Im Kino: Park Chan-Wooks zartbunte Romanze "I’m a Cyborg, but that’s ok“, die im vergangenen Jahr auf der Berlinale zu sehen war.

Kerstin Decker

So wie einst Charlie Chaplin am Fließband die Schrauben festzog und das Unentrinnbare geschah – er wurde selbst schraubenförmig und die ganze Welt mit ihm –, so sitzt Young-gun an ihrem High-tech-Arbeitsplatz und verkabelt, vernetzt, verdrahtet alles, was ihr in die Hände kommt. Mit fast Chaplinesker Selbstvergessenheit und rotem Kopftuch – wie die anderen jungen Frauen neben ihr, im immergleichen Rhythmus. Mit seltsamem Einverständnis, damals im Industriezeitalter wie jetzt in der digitalen Welt. Nichts ist natürlicher, als dass Young-gun sich eines Tages selbst zu verkabeln beginnt. Leitung in Schlagader. Aber die Außenwelt versteht das falsch. Sie tippt auf Selbstmordversuch.

Wenn irgendetwas an dieser Einführung in Park Chan-wooks Film „I’m a Cyborg, but that’s okay“ wertend, kulturkritisch oder anderweitig reflexiv geklungen haben sollte, so ist das sofort zurückzunehmen. Denn was den anfangs wunderbaren Charme dieser partiellen Neuerfindung von Chaplins „Modern times“ ausmacht, ist seine absolute Identifikation mit der jungen Suizidverdächtigen. Ihre Welt ist seine Welt.

Regisseure, die klüger sein wollen als ihre Figuren, sind nicht halb so unterhaltsam wie Park Chan-wook. Er macht mit dem Kino wie mit der Psychose ernst: Wirklichkeit ist nur eine Frage der richtigen Kontaktaufnahme. Und die Welt existiert grundsätzlich im Plural. In Anstalten wie der, in die Young-gun nun eingeliefert wird, merkt man das sofort. Es ist ein unwahrscheinlicher Zufall, dass zwei Menschen sich gerade in derselben aufhalten.

Die junge Koreanerin Lim Soo-jung spielt ein zartes Androidenmädchen mit wunderbar komischem Talent zur kindlichsten Verwunderung. Zuerst war es noch sehr ungewiss, ob Young-gun an diesem dramatisch untertechnologisierten Ort neue Gefährten finden würde. Aber bald schon hat sie einen guten Kontakt zum Getränkeautomaten auf dem Flur. Und auch die Lampen mögen Young-gun. Sogar mit der großen Anstaltsuhr, in der einmal einer ihrer Vorgänger, der noch weniger aß als sie, verschwunden sein soll, ist sie fast immer einer Meinung.

„I’m a Cyborg, but that’s ok“ war der Publikumsfavorit des Berlinale-Wettbewerbs im letzten Jahr. Bonbonfarben, voller Aberwitz, voller unwahrscheinlich-wahrscheinlichster Krankheitsbilder. Und die Wirklichkeitspunkte, an denen Park Chan-wook unvermittelt hart aufsetzt, sind fast nie voraussehbar. Als Mädchen schon hat Young-gun ihrer Mutter gesagt, dass sie glaubt, ein Cyborg zu sein. Die Mutter: „Gut, gut, aber verrate das niemandem.“ Die Mutter hatte keine Ahnung, was ein Cyborg ist, doch sie besaß einen kleinen Laden, und würden die Leute bei einer kaufen, die einen Cyborg als Tochter hat? Hightech und abergläubischer Konformismus – zwei Universen in friedlicher Koexistenz. Das ist subversiv. Das ist witzig.

Young-guns Erinnerungen an ihre Großmutter, bei der sie aufgewachsen ist, wirken grotesk, doch es steht ein großer Ernst dahinter. Erwachsenwerden heißt, Abschied nehmen zu können. Den Abschied von ihrer Großmutter, der keiner war, muss sie noch nachholen. Das ist die Parabel dieses Anstaltmärchens.

Mitpatient Il-sun, Ping-Pong-Spieler und Dieb (er stiehlt anderen ihre Eigenschaften), wird Young-gun helfen. Chan-wook, Regisseur eines blutigen Dreiteilers um die Rache, hat eine zartbunt-komische Cyberromanze gedreht. Schade nur, dass er sie am Ende doch überdehnt. Das wird dann schale Wiederholung, negative Unendlichkeit – auch das: Cyberspace.

OmU. Babylon Mitte, Eiszeit

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