Kino : Das dreigestrichene Weh

Die Regisseurin Helma Sanders-Brahms dreht das Schumann-Biopic "Geliebte Clara". Als Brahms-Nachfahre erfüllt sie sich damit einen Herzenswunsch. Aber diese Leidenschaft verschafft dem Film leider einen zu hohen Ton.

Christina Tilmann
Martina Gedeck
Kämpfen zwischen Kunst und Liebe: Martina Gedeck als Clara Schumann. -Foto: promo

Ihr Dirigat ist ein Spektakel. Tief ausgeschnitten das Kleid, sehr weiß die nackten Arme, der ganze Körper ist im Spiel, voll Leidenschaft. Nein, Musik dirigiert man so nicht, auch nicht die rauschhafte von Robert Schumann, wo doch ein Fingerzeig, ein Augenzucken genügt, um sensible Musiker auf der Spur zu halten. Kein Wunder, dass die Mitglieder des Städtischen Orchesters Düsseldorf dieses stürmische Wesen ablehnen, mit seiner so gegenwärtigen Weiblichkeit.

Ursprünglich hätte Isabelle Huppert die Rolle der Clara Schumann spielen sollen, doch als nach jahrelangem Planen die Filmfinanzierung endlich stand, war Huppert verhindert – und Martina Gedeck sprang kurzfristig ein. Ihre Clara Schumann ist in der Tat ganz anders, als man sich die durchgeistigte Huppert vorstellt: fröhlicher, geerdeter. Ein Energiebündel, diese Frau, die Karriere, Familie, Liebe managt, ihrem kranken Mann Rückhalt gibt und immer wieder das so dringend nötige Laudanum verschafft, die fröhliche Kinderschar im Zaum hält, mit Konzerttourneen das Geld für die Familie verdient und auch noch die durchaus erotische Spannung zum jungen Hausgenossen Johannes Brahms genießt.

Bei all ihrem Ruhm: So unbekümmert wird die historische Clara nicht gewesen sein. Doch Martina Gedecks Clara ist modern – und trifft damit den Ton, den Regisseurin Helma Sanders-Brahms sich wohl wünschte. Dass sich da eine Frau durchkämpft in der Männerwelt, dass die unbedingte Entscheidung für die Kunst (sei es nun Film oder Musik) stärker sein kann als alle Hindernisse, und dass man sich trotzdem aus Liebe zurücknehmen kann hinter dem anderen: Dieses komplizierte Geflecht aus Freiheiten und Restriktionen taugt nur zu gut zum Spiegelbild einer Regisseurin, die sich als Autorenfilmerin längst abgemeldet findet, weil sie auf ihrer Autonomie beharrt. Und dass die Geschichte zwischen Clara, Robert und Johannes auch noch eine Art Familienschuld begleicht – Brahms war einer ihrer Vorfahren mütterlicherseits –, macht die Sache wohl endgültig zur Herzensangelegenheit.

Aber auch zum guten Film? Gewaltig der Aufwand an historischen Stätten, an Kostümen, Ausstattung und Beleuchtung: Kameramann Jürgen Jürges schafft raffinierte Wechsel zwischen öffentlichem Glanz und privater Intimität, lebendig-leuchtendem Familienleben und düster-verschatteter Innenwelt. Auch der beim Dreh anwesende Fotograf Konrad Rufus Müller bezeugt in zurückhaltenden Schwarz-Weiß-Aufnahmen die Vermeer’sche Qualität des Lichts, das Jürges über die Bilder eines Küchenstilllebens oder Christine Oesterlein als Schumanns Köchin im Flur wirft (das Begleitbuch ist bei Henschel erschienen).

Nein, das Problem ist der zu hohe Ton. Die leidenschaftliche Liebe, die Erhebung durch Musik, all das wird mit großer Geste gespielt und mit bedeutungsvollen Sätzen betont. Pascal Greggory gibt Robert Schumann als wirrköpfiges Genie und eifersüchtigen Macho, Malik Zidi seinen Johannes Brahms als bedenkenlosen Kindskopf. Ja, so wie Martina Gedeck beim Dirigieren, gestikuliert der ganze Film. Die Wunder der Musik wie auch des Lebens, sie finden leiser statt.

Babylon Mitte, Blauer Stern Pankow, Cinemaxx Potsdamer Platz, Kulturbrauerei, Zoo Palast

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