Kino: "Der Dorflehrer" : Schneckenspur

„Der Dorflehrer“ ist ein tschechischer Film, der sich langsam entfaltet. Tastend, nicht effektheischend, erzählt er, warum Petr von Prag aufs Land geflüchtet ist und weshalb er die rothaarige Bäuerin Marie von sich weist.

Martin Schwickert
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Landleben: Für Marie (l.) ist "Der Dorflehrer" Petr eine Chance gegen die Einsamkeit. Doch dieser weist die rothaarige Bäuerin ab....Foto: dpa

„Ein halbes Jahr. Länger halten Sie es hier nicht aus“, begrüßt der Schulleiter den jungen Kollegen. Petr (Pavel Liška) hat seine Stelle als Gymnasiallehrer in Prag aufgegeben und sich zum Dienst in einem böhmischen Dorf gemeldet. Zur ersten Stunde kommt er mit einem Schneckenhaus in den Klassenraum und zeigt den Kindern, was man von der Schale über das Leben des Tieres, das darin gewohnt hat, erfahren kann. Man muss nur genau hinsehen, dann gibt die Natur dem Betrachter Auskunft über ihr Wesen.

Genau das macht der tschechische Filmemacher Bohdan Sláma („Die Jahreszeit des Glücks“) in seinem neuen Film „Der Dorflehrer“: Hinsehen mit Geduld und Präzision. Die Figuren drängen sich dem Zuschauer nicht auf mit ihren Geschichten. Warum Petr aus der Stadt aufs Land geflüchtet ist, erfährt man erst spät, nachdem er sich längst ins ländliche Ambiente eingearbeitet hat. Dabei scheinen der traurige Blick und die verhaltene Gestalt zunächst nicht hineinzupassen in die ländliche Idylle.

Ganz anders Marie (Zuzana Bydžovská), mit ihrem roten strähnigen Haar, den wilden Sommersprossen im Gesicht und ihren weit ausholenden Gummistiefelschritten. Die Bäuerin lebt schon viel zu lang allein mit ihrem fast erwachsenen Sohn auf dem Hof abseits des Dorfes. In Petr sieht sie eine Chance gegen die Einsamkeit. Aber der verschlossene Lehrer weist Marie ab, als sie ihn zu küssen versucht. Warum? Auch das erfährt man erst, als Petr beim Besuch in Prag der schwadronierenden Mutter ein leises „Ich bin homosexuell, Mami“ entgegenhält.

Die Szene könnte als eines der knappsten Coming-outs der Filmgeschichte durchgehen, doch in „Der Dorflehrer“ geht es nicht um befreiende Bekenntnisse, sondern um die Unebenheiten der Sehnsucht, die keinen Platz zum Wohnen findet. In ruhigen langen Einstellungen erzählt Sláma vom Städter, der auf dem Lande nicht das Glück, sondern die Einsamkeit sucht, dort nicht die Liebe, aber eine Freundschaft findet, die vor eine harte Prüfung gestellt wird.

Andere Regisseure hätten die Geschichte um Lust, Schuld und Sühne zu einem Melodrama verdichtet, aber Sláma ist ein Melancholiker, der seine Figuren zu sehr mag, um sie für emotionale Effekte zu verheizen. Seine Erzählstruktur, die in der besten Tradition des tschechischen Kinos steht, schielt nicht nach spektakulären Wendungen, sondern tastet das Leben mit seinen Zerwürfnissen vorsichtig ab, anstatt es in vorgefertigte Formen zu pressen.

- Kino in der Kulturbrauerei, Moviemento, Neue Kant-Kinos, Union-Filmtheater, Hackesche Höfe (OmU)

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