Kino : Der Held, der nichts hält

Action und Komik: Will Smith ist in "Hancock“ der etwas andere Superheld - der unmögliche Supermann.

Kinostarts - Hancock
Bruchpilot: Hancock (Will Smith) spielt Millionen ein. -Foto: dpa

Von Sebstian HandkeHöchste Zeit, dass sich darüber mal jemand Gedanken macht. So viele Superhelden drängen seit Jahren in die Kinos. Sie retten, was zu retten ist, dann rauschen sie wieder davon. Aber was sind eigentlich die Konsequenzen, mal rein lebenspraktisch gesehen? Es geht ja meistens ordentlich was zu Bruch, wenn ein Kostümierter zur Tat schreitet. Und wie ist das für den Helden selbst? Er ist ja von Geburt an zum Außenseiter verdammt, ein Übermensch unter Sterblichen. Grob gesprochen boten sich bislang zwei Wege an, um mit der Einsamkeit und der Verantwortung klarzukommen: als sauberer Strahlemann (Superman) oder als brütender Zweifler (Batman). Der Held aber, um den es in diesem Fall geht, kommt nicht klar, und er trägt auch keine Verantwortung. Er lässt sich gehen.

Superheld Hancock (Will Smith) schläft auf Bänken, trinkt Whisky aus der Flasche und hat auch sonst keine Manieren. Bei seinen Rettungsaktionen geht mehr zu Bruch, als eigentlich zu retten war – jede Landung ein Schlagloch. Kollateralschäden im Wert von neun Millionen Dollar, empört sich eine Journalistin im Abendfernsehen, hat Hancock bei der Verrichtung seiner Arbeit bereits verursacht; einem Sterblichen würde man das nicht durchgehen lassen. Die Bewohner von Los Angeles haben Hancock nicht bestellt. Sie würden ihn liebend gerne wieder loswerden.

Eines Tages steht ein PR-Berater (Jason Bateman) einer Diesellok im Weg. Hancock rettet ihm das Leben. Jetzt will der Berater helfen, dessen mieses Heldenimage zurechtzurücken. Die Frau des Beraters (Charlize Theron) sieht das gar nicht gern, und dafür gibt es Gründe, wie sich herausstellt. Dass „Hancock“ mehr sein will als Celebrity-Satire oder Helden-Slapstick, ist von Anfang an nicht zu übersehen: Regisseur Peter Berg („The Kingdom“) nimmt seine Hauptfigur ungewöhnlich ernst. Und Will Smith gibt sich alle Mühe, wenn er mit roten Augen, schmierig schimmernder Haut und aufgequollenem Gesicht herumfliegt, auf der Suche nach sich selbst. Doch kaum hat man sich daran gewöhnt, nimmt die Geschichte eine Wendung – und schlägt einen ganz anderen Ton an.

Gegensätzlicher könnten zwei Filmhälften kaum sein. Während „Hancock“ zu Beginn noch mit den Heldenklischees spielt, taucht er später umso tiefer in den Mythos ein. Abgeklärte Kinogänger, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf die ironische Dekonstruktion eines überstrapazierten Genres eingestellt haben, trifft dieser Twist wie ein Schock. Kein Wunder, dass der Film nicht nur bei Kritikern regelrechte Aversionen auslöst. Denn wenn überhaupt, dann müsste die Reihenfolge doch umgekehrt sein: zuerst das Pathos, dann drüber lachen.

Dabei ist der Knick im Geschehen gerade das Großartige an „Hancock“. Der Film schert sich weder um die Regeln des Genres noch um die Regeln der Satire, die sich über dieses Genre lustig macht. Gut möglich, dass die Filmemacher sich diese Freiheit nur deshalb nahmen, weil sie einfach nicht wussten, wie es weitergehen soll. Über Jahre hinweg schoben sich Produzenten und Regisseure einander die „Hancock“-Entwürfe zu, eine Geschichte, die anfangs noch so dunkel war und frivol, dass der Film für Jugendliche nicht geeignet gewesen wäre. „Tonight, he comes“ lautete damals der Porno-verdächtige Arbeitstitel.

Das jahrelange Herumwerkeln hat dem Film nicht gut getan. Es sind zu viele Ideen darin, als dass auch nur eine davon erschöpfend hätte entwickelt werden können. Klaffende Logiklöcher durchziehen „Hancocks“ zweite Hälfte; selbst mit viel gutem Willen können sie nicht verdrängt werden. Die Unverschämtheit aber, mit der dieser Film sich ohne Vorwarnung in die Kurve wirft und dann mit großer Geste zum ironiefreien Drama bekennt – das hat Größe.

Schade nur, dass man sich zu einem würdigen Schluss dann doch nicht hat durchringen können. Wie bereits für „I am Legend“ wurde auch hier wenige Wochen vor Kinostart ein neues Ende gedreht. Der Epilog in New York überzieht den Film mit einem Zuckerguss, den er nicht verdient hat. So wird dieses herrlich unförmige Ding letztlich doch auf Normalmaß zurückgestutzt. Dabei wäre es hier endlich mal wieder möglich gewesen – das tragische Ende mit dem ganz großen Liebesopfer.

In 19 Berliner Kinos. OV im Cinestar Sony-Center und Colosseum.

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