Kino : Di Caprio verfilmt die Klimakatastrophe

Leonardo DiCaprios Umweltdokumentation „The 11th Hour“: Ein Film zum Selbstmord der Menschheit und ihrer Rettung in buchstäblich letzter Minute. Denn es gibt eine Rettung.

Philipp Lichterbeck
Di Caprio
Leonardo Di Caprio möchte, dass wir uns als Teil der Natur verstehen. -Foto: ddp

Irgendwann in diesem schockierend chaotischen Film kommt der ehemalige CIA-Chef R. James Woolsey zu Wort. Die USA, sagt er, täten immer das Richtige. Leider erst, wenn alle anderen Optionen erschöpft seien.

Gleiches scheint für Hollywood zu gelten. Gegen Ende der Bush-Jahre bringen zahlreiche Stars Filme in die Kinos, mit denen sie offenbar noch einmal deutlich machen wollen: Dies ist nicht unser Präsident, dies ist nicht unsere Politik - George Clooney, Sean Penn, Robert Redford, Brian de Palma und John Cusack sind nur die bekanntesten Namen. Ihnen schließt sich nun Leonardo DiCaprio an, auf dem in Amerika politisch verminten Feld der Ökologie.

„The 11th hour“ heißt der von DiCaprio koproduzierte Dokumentarfilm zum Selbstmord der Menschheit und ihrer Rettung in buchstäblich letzter Minute. Das Engagement des ehemaligen „Titanic“-Beaus ist jedoch keineswegs einer Mode geschuldet, seit zehn Jahren schon widmet sich die „Leonardo DiCaprio Stiftung“ dem Umweltschutz. Nun steht DiCaprio als Erzähler in den Wasserkanälen von LA oder unter einem Baum und sagt, dass die Menschheit ihrem Planeten so zugesetzt habe, dass sich ihre Existenz dem Ende zuneige. Es sei kurz vor Zwölf!

Leider scheinen die Regisseurinnen des Films, die Schwestern Nadia Conners und Leila Conners Petersen, diese Warnung allzu wörtlich genommen zu haben. Denn sie gehen mit einem messianischen Eifer ans Werk, dass einem Hören und Sehen vergeht: 95 Minuten lang wird man mit Katastrophenbildern bombardiert: Dürren, Hunger, Hurrikane, Überschwemmungen, Waldsterben, Artensterben, Überfischung, Gletscherschmelze, Luftverschmutzung, Giftkatastrophen, Überbevölkerung, Krieg.

Dem wilden Zusammenschnitt der Bildsequenzen entsprechen die unzähligen dazwischengestreuten Wortbeiträge. Es wird eine Armada von 55 Experten aufgeboten: Psychologen, Ökonomen, Philosophen, Historiker, Geistliche, Gewerkschafter, Ex-Weltbanker, Ozeanografen, Aktivisten. Die bekanntesten Köpfe gehören dem britischen Physiker Stephen Hawking und dem ehemaligen KPdSU-Chef Michael Gorbatschow.

Die Regisseurinnen sammelten gigantische 150 Stunden Interviewmaterial, heißt es. Und haben es in Guido-Knopp-Manier in raunende 30-Sekunden-Auftritte zerhackt. Diese Flut an Statements ist die größte Schwäche des Films. Allerdings auch eine Stärke. Denn was die Experten sagen, strotzt vor Kompetenz, ist oft originell und fordert das Weiterdenken. Ein Psychologe etwa erklärt, wann und warum die Menschen im Westen die Fähigkeit verloren, sich als Teil ihrer Umwelt zu begreifen. Leider nur ist auch dieser Beitrag in keine Erzählung eingebettet. Nach zwei Dritteln des Films weiß man lediglich, dass der Mensch seit der Entdeckung der Dampfmaschine das eigene Habitat zerstört hat – und dass Mutter Erde das am Ende auch egal sein wird.

DiCaprios Film fehlt dabei völlig, was Al Gores „Unbequeme Wahrheit“ ausmachte: Stringenz und Nüchternheit. Er erreicht auch nie den Furor, geschweige denn Humor eines Michael Moore. Erstmals kontrovers wird es, wenn die Gründe für das Desaster genannt werden: die Verschwendungssucht der Amerikaner, die von einer skrupel- und rücksichtslosen politischen und wirtschaftlichen Elite geführt werden.

Doch „The 11th Hour“ wäre kein Hollywoodfilm, wenn er nicht auch einen Ausweg aus diesem Schlamassel wüsste: Man kann wählen, sagt eine Aktivistin. Kaufe Lebensmittel bei deinem Bauern, nutze öffentliche Verkehrsmittel, ziehe in ein Öko-Haus und, ja, versuche endlich zu lieben. Die Botschaft ist so banal wie wahr. Und während am Ende des Films Designer, Architekten und Unternehmer ihre alternativen Projekte vortragen, beschleicht einen eine leise Ahnung: Sind die USA nach den verlorenen Bush-Jahren von einer ökologischen Revolution erfasst worden? Wird man sich in Europa noch einmal umgucken, wenn die Amis ruckzuck ihre Ölabhängigkeit beenden, riesige Gezeiten- und Windkraftanlagen bauen und in Rapsölautos über die Highways düsen? Leonardo DiCaprio könnte dann von sich behaupten, einen Beitrag geleistet zu haben. Auch wenn er zunächst nur einen gutgemeinten Katastrophenfilm gemacht hat.

In den Berliner Kinos Cinemaxx Potsdamer Platz, Colosseum, Hackesche Höfe, Zoo Palast; OV im Cinestar SonyCenter

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