Kino: "Die Bucht" : Flippers Fluch

Delfine als Tiefkühlware: Der Öko-Thriller „Die Bucht“ geißelt die grauenhafte Tötung von Delfin-Familien in Japan - ein Blutbad, das an den Nerven zerrt.

Kai Müller
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Nur Show. Im Alltag werden Delfine massenhaft abgeschlachtet. -Foto: drei freunde verleih

Japan hat neu gewählt. Nach vier Jahrzehnten ist die konservative Machtclique nun mit überwältigender Mehrheit abberufen worden – vor allem wegen der Finanzkrise, die tiefe Spuren hinterlassen hat. Vielleicht sorgt der Regierungswechsel aber auch für ein neues politisches Klima, in dem der stolze bis starrköpfige Inselstaat seine umstrittene Waljagd überdenkt. Der Konsum an teurem Walfleisch geht ohnehin zurück. Und wer den Amerikaner Ric O’Barry mit umgehängtem Bildschirm auf einer Tokioter Straßenkreuzung sieht, dürfte vollends den Geschmack an Meeressäugern verlieren. Auf seinem Brust-TV laufen Bilder, aufgenommen in Taiji, die ein blutiges Massaker an Delfinen zeigen.

Dass der weißhaarige Herr bald von neugierigen Passanten umringt wird, ist zumindest ein Hoffnungszeichen. Und das ist im Film „Die Bucht“ bitter nötig. Zu deprimierend agiert in den vorangehenden eineinhalb Stunden das Kartell des Schweigens, mit dem örtliche Behörden die Vorgänge in Taiji verleugnen. Es bedarf geheimdienstlicher Hightech-Methoden und einer kleinen Gruppe verwegener Aktivisten um Regisseur Louie Psihoyos, um hinter das Geheimnis der Bucht zu kommen.

Der Delfin als Pop-Symbol

Im Mittelpunkt dieses Enthüllungsthrillers, der mit Infrarot- und Wärmebildkameras sowie Unterwassermikrofonen gedreht worden ist, steht ein gebrochener Held. In den sechziger Jahren machte sich Ric O’Barry einen Namen als Trainer von Flipper, dem er die lustigen Kunststückchen eines Fernsehstars beibrachte. Damit stand er am Anfang einer Milliarden Dollar schweren Industrie, die das verspielte Wesen der Delfine in Vergnügungsparks, artistischen Shows und für therapeutische Zwecke einsetzt.

Für Nachschub an jungen Tieren sorgen die Fischer von Taiji. In dem Küstenort ist der Delfin optisch als Pop-Symbol in den Alltag integriert. Überall auf Häuserwänden und Reklametafeln prangt das Tier und steigert das Gefühl schizophrener Verehrung. Denn in großen Schwärmen werden die Delfine zur Fangsaison in ein mit Netzen abgesperrtes Lagunen-Areal getrieben. Der Zutritt ist streng untersagt. Die stärksten und schönsten Exemplare werden herausgesucht und an Delfinarien für bis zu 100 000 Dollar verkauft. Was mit dem Rest geschieht, möchte man in Japan lieber nicht so genau wissen.

Ein Verbrechen, an dem sich Japaner verschlucken werden

Auch O’Barry liebte seine Arbeit und die Sportwagen, die er sich als Spezialist in Sachen Delfin-Intelligenz leisten konnte. Von den wundersamen, kollegialen Eigenschaften des Tiers wissen in „Die Bucht“ auch Surfer und Taucher zu berichten. Doch änderte sich O’Barrys Leben, als eine seiner Flipper-Darstellerinnen eines Tages in seinen Armen erstickte. Aus dem Delfintrainer wurde der Tierschutzaktivist, der sich seit 38 Jahren für die Freilassung der in Gefangenschaft nicht überlebensfähigen Meeressäuger einsetzt. Dass sein Engagement auch eine Buße ist, macht ihn zum perfekten Sympathieträger für einen Film, der seine Öko-Botschaft mit der Dramaturgie eines Agententhrillers verbindet. Überhaupt beruft sich „Die Bucht“ auf amerikanische Tugenden, wenn er die technische Überlegenheit eines verwegenen Teams aus Ex-Militärs, Rekordtauchern und Abenteurern gegen die grobe, dumpfe Geheimniskrämerei der Fischer und ihrer Hintermänner ausspielt.

Erkennbar werden die Mechanismen der grauenhaften Tötung von tausenden von Delfin-Familien, die mit simpelsten Mordwerkzeugen abgestochen werden. Ein Blutbad mit zuckenden, panischen Leibern, das an den Nerven zerrt. Die Fischer handeln in dem Glauben, dass sie „Schädlinge“ eliminieren, die ihren Fischfang wegfressen – eine beliebte japanische Rechtfertigung. Was aber ist der wahre Grund?

Psihoyos kommt mit O'Barrys Hilfe einem Lebensmittelskandal auf die Spur. Obwohl Delfinfleisch wegen seines hohen Quecksilberanteils für den Menschen pures Gift ist, gelangt es – als Walfleisch deklariert – in die Tiefkühltruhen der Supermärkte. An diesem Verbrechen werden sich Japaner verschlucken.


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