Kino : Die Namenlose

Die Künstlerin Julia Loktev inszeniert in "Day Night Day Night“ den Countdown vor einem Selbstmordattentat. Motive und Hintergründe der Tat interessieren nicht. Worum geht es?

Julian Hanich
Luisa Williams Foto: ddp
Die Attentäterin (Luisa Williams) wandelt durch die Straßenschluchten von Manhatten. -Foto: ddp

Bis zum Ende erfahren wir keinen Namen. Obwohl die junge Frau von Anfang an im Bild ist, fast in jeder Einstellung, beinahe 90 Minuten lang. Auch über ihre Vergangenheit dringt kaum etwas durch. Sie hat einen Bruder. Ihre Eltern sind angeblich tot. Sie kommt von der Westküste. Ihr Amerikanisch ist ohne Akzent. Ansonsten?

Nichts. Nichts über ihre soziale Herkunft. Nichts über ihre Religion. Und auch ihre ethnische Zugehörigkeit bleibt im Dunkeln: osteuropäisch, maghrebinisch, jüdisch oder aus dem Nahen Osten? Nur eine Tatsache gibt es, und sie gibt dem Film sein Ziel und beklemmende Brisanz: Dieses knapp zwanzig Jahre alte Mädchen will sich in die Luft sprengen und dabei möglichst viele Menschen mit in den Tod reißen.

Kommt mir nicht zu nahe

Es beginnt mit Gemurmel. Die zarte Frau zählt sich leise Arten des Sterbens auf. Dann wendet sie sich an ein imaginäres Gegenüber, das sie bald im Jenseits zu treffen hofft. Wer ist gemeint? Ein Verstorbener? Ein muslimischer, jüdischer oder christlicher Gott? Die Namenlose geht durch eine Flughafenhalle. Dann dreht sie sich um und schaut in die Kamera, als wollte sie sagen: Halt, Zuschauer, komm mir nicht zu nahe! Kaum jemand dürfte sich so früh im Film um diesen selbstbezüglichen Verfremdungseffekt scheren. Aber das könnte sich noch als Fehler erweisen.

Ein Mann holt das Mädchen am Flughafen ab und bringt sie in ein graues Motelzimmer irgendwo in New Jersey. Sie steigt in die Badewanne, wäscht sich gründlich und rasiert sich die Achseln. Manchmal bekommt sie Anrufe mit Befehlen, die sie mit "Okay, thank you“ quittiert. Gnadenlos geduldig ist die Kamera immer dabei.

Leicht überbelichtet und entfärbt verfolgt sie die Handlungen und zerlegt sie in beengte Nahaufnahmen. Analytisch wird getrennt, was der Zuschauer wie Scherben aufsammeln und wieder zusammensetzen muss. Diese ästhetische Strategie dominiert bis zum Ende dieser zwei Tage und zwei Nächte erzählter Zeit: fragmentarisch, minimalistisch und von faszinierendem Sog.

Ikonographie selbsternannter Revolutionäre

Die russisch-amerikanische Medienkünstlerin Julia Loktev – im Kino bisher nur durch den Dokumentarfilm "Moment of Impact“ (1998) aufgefallen – interessiert sich nicht für das Warum. Wer etwas über die Motive von Selbstmordattentätern erfahren will, muss Joseph Croitoru oder Hans Magnus Enzensberger lesen oder sich Hany Abu-Assads Film "Paradise Now“ ansehen. Loktev versucht, alles Politische wegzulassen.

Ja, es wirkt beinahe ironisch-verächtlich, wie sie die Ikonografie aller selbsternannten Revolutionäre ins Bild rückt: Einmal wird die Frau von ihren maskierten Instrukteuren gezwungen, im übergroßen Militärparka vor einer Kamera Platz zu nehmen, der Munitionsgürtel umgehängt, die Kalaschnikow in der Hand, im Hintergrund ein Plakat mit einer geballten Faust. So sieht er aus, der Kitsch der Ideologen.

Auf Schmusekurs mit dem Bösen

Doch worum geht es Loktev? Statt Motive und Erklärungen zu bieten, nützt sie die Selbstmordattentäter-Thematik für ein beängstigendes Spiel mit der einfühlenden Verwicklung des Zuschauers, darin Hanekes "Funny Games“ nicht unähnlich. Als die Namenlose an ihrem Ziel ankommt und durch New York irrt, um die mörderische Tat zu vollziehen, steckt man längst in der Identifikationsfalle.

Obwohl anfangs durch den warnenden Blick zur Distanz aufgefordert, bangt der Zuschauer doch mit der Attentäterin – vielleicht wünscht er ihr sogar den Erfolg. Schuld daran ist nicht zuletzt die außergewöhnliche Hauptdarstellerin: Schon lange hat man im Kino niemanden mehr so glaubhaft Angst verkörpern sehen wie die junge, noch unbekannte Luisa Williams. Sympathy with the devil? Grausam spät wird einem die eigene Manipulierbarkeit bewusst.

fsk und Hackesche Höfe (beide OmU)

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