Kino : Durchs wilde Kasachstan

Lebensabschiedsreise: Volker Schlöndorffs Roadmovie „Ulzhan“ führt in die Weiten Mittelasiens.

Jan Schulz-Ojala
Ulzhan
Auf der Suche nach dem verlorenen Mann. Die junge Kasachin Ulzhan an den Hängen des heiligen Berges Khan Tengri. -Foto: x-verleih

Alterswerke sind lächerlich. Sie wollen alles, noch einmal alles, aber die Kraft fehlt, und so folgt meist kein großer Wurf, nur ein Würfchen. Pathetische Helden stehen luftknapp rum in einer bald versandenden Geschichte und müssen sich die Show von nachgeborenen Großmäulern stehlen lassen. Seltsame Tochterwesen, die gewesenen oder nie was gewordenen Geliebten ähneln, schwirren durch die Szenerie und geben der Story den Rest. Alterswerke sind wie die dreizehnte Kammer von Märchenschlössern: endlich aufgerissen, endlich geheimnislos. Nachbarjungs haben die Scheiben eingeschmissen, die Tür schlottert in den Angeln, und Wind geht durch.

Alterswerke sind grandios. Ihre Schöpfer stehen am Abhang erfolgreicher Leben und lassen die Fantasie frei. Sie gehen auf Reisen, endlich, und es ist ihnen egal, wie sie zurückkommen und wann und ob überhaupt. Sie wärmen sich mit ein paar Fantasmen, die sich gehalten haben über die Jahrzehnte, hier eine Schönheit, dort jemand Wildes, und damit ziehen sie los. Ja, Alterswerke sind wie uralte, von der Leinwand heruntergeklaute Planwagen: Verwegen schaukeln sie durch die Prärie, zerrissenes Segeltuch schlackert über die Stangen, und Wind geht durch.

Volker Schlöndorff ist mit seinen 68 Jahren nach heutigen Maßstäben kein alter Mann, und doch ist „Ulzhan“ ein Alterswerk, eines von der ebenso pathetischen wie listigen Sorte. Der seit der „Blechtrommel“ im Kino-Olymp siedelnde Regisseur könnte sich dahinter verstecken, dass er nur ein Drehbuch des acht Jahre älteren Jean-Claude Carrière verfilmt hat – und somit nicht haftbar zu machen sei für die lächerliche, grandiose Geschichte um einen, der auszog, den Tod zu finden in den Wüsteneien des hinteren Kasachstan. Und ist doch klug genug, sich mit allen Fasern zu bekennen: „Zur Abwechslung mal keine Literatur, keine Politik, auch keine Vergangenheitsbewältigung, sondern reine Kür, eine Hymne auf das Leben“, schreibt er im Presseheft. Ja, das ist schön. Und klug. Und sogar ein bisschen weise.

Die schöne Ulzhan (Ayanat Ksenbai) kommt lange nicht vor in „Ulzhan“, und das ist gar nicht mal so verkehrt. Denn in seinem ersten Drittel hat der Film um den todessüchtigen Pariser Professor Charles (Philippe Torreton) seine stärksten Momente. Der unrasierte Mittvierziger läuft, nachdem er sein Auto ohne Benzin zurückgelassen hat, in dunklem Mantel und mit dunkler Reisetasche rastlos an kasachischen Fernstraßen entlang und schlägt alle Mitnahmeangebote von Lastwagenfahrern wütend aus. Schläft wie ein Landstreicher mitten auf einem Ölfeld, wird aufgegriffen, der Industriespionage verdächtigt und nach Intervention der französischen Botschaft per Hubschrauber in die Retortenhauptstadt Astana geflogen. Und mitten in diesem realfuturistischen Absurdistan, das so gar nichts vom „Borat“-Witzboldland des Sacha Baron Cohen hat, jagt er im 24-Stunden-Zeitraffer noch einmal durch jene Welt, die er für immer zurücklassen will: Geld, Wodka, Frauen, Sex. „A la fin tu es las de ce monde ancien“, heißt es bei Guillaume Apollinaire. Charles ist seiner alten Welt müde, von Anfang an.

Große Szenen. Bald aber erfährt der Zuschauer, was diesen Mann in die Flucht treibt, und es wird ihm – mittels eines Fotos und einer Postkarte, die Charles in einer Schachtel wie in einem Schrein mit sich führt – alterswerkgemäß überdeutlich eingetrieben. Und ein geschwätziger Schamane namens Shakuni, der mit unübersetzbaren Wörtern, etwa dem portugiesischen „saudade“, handelt und sie auf dem Markt gegen Lebensmittel eintauscht, tritt ein erstes Mal auf: David Bennents erste größere Kinorolle seit seinem „Blechtrommel“-Oskar vor 28 Jahren. Dieser Shakuni macht, während Charles längst auf Ulzhans Schimmel davongeritten ist, um am heiligen Berg Khan Tengri zur ewigen Ruhe zu finden, zwei weitere lange Schleifen durch den Film – und wird dem Zuschauer so heftig auf die Nerven gehen wie dem Helden selber. Lächerlich, aber ja. Und doch schleichend liebenswert. Und immer wieder augenblicksweise: grandios.

Mit seinem fernen jüngeren Bruder, dem 62-jährigen romantischen Pathetiker Wim Wenders, hat Schlöndorff – in „Ulzhan“ wird das erstmals so deutlich – gemeinsam, dass es ihn lebensherbstwärts in die Ferne treibt. Zuletzt ist Wenders in „Don't Come Knocking“ einem ebenso rabiat aus allem aussteigenden B-Moviestar auf den Fersen gewesen, und was der bald ähnlich Geschwächte schließlich in Montana findet, sind ein randalierender erwachsener Sohn und eine junge Fee (Sarah Polley), die ihm mit einer rätselhaften Urne nachreist. Schlöndorff zieht es nicht in den fernen Westen, sondern in jene Weiten des asiatischen Ostens, die sich irgendwann mit den mongolischen Mythen und Mythenverlusten berühren, wie sie Nikita Michalkow in „Urga“ so faszinierend beschrieben hat. Existenzielle Sehnsüchte, die leicht mit esoterischen verwechselt werden, grundieren diese Altersfilme der einst Neuen Deutschen Filmer, Sehnsüchte vom tiefsten Grund allen Reisens: einen Ort zum Sterben zu finden, von dem aus man – vielleicht – in einem anderen Leben erneut aufbrechen kann.

Und die titelgebende Ulzhan? Sie steht für die archaische Frische, in der sich alle Vergänglichkeitslust und Vergeblichkeitspein des Zivilisationsflüchtlings bricht. Und für die – natürlich selbst noch postfeministisch zu geißelnde – Hoffnung auch der lebensmattesten Männer, niemals ganz der eigenen Ödnis überlassen zu bleiben. Die junge Dorflehrerin folgt dem auch sie abweisenden Charles, und es bleibt bei der sachten Andeutung einer vom Wüstenwinde verwehten Liebesgeschichte. Auch für den Schluss lassen Schlöndorff und sein bildertrunkener Kameramann Tom Fährmann bei aller Symbolik das üblichste und das zweitüblichste Bild beiseite. Das dritte dafür prägt sich ein, während die Wörter, vor allem die Ware des schamanischen Wörterhändlers, sich schon im Sagen und Hören aufzulösen scheinen – bloße Begleitgeräusche eines Abschiednehmens, das sich im Akt des Sehens erfüllt.

Alterswerke sind verletzlich. Durch ihre Lebensadern, spröde gewordene Wände, schießt dünnes Blut. Ein Leichtes, sie abzuknicken, und man tut es nicht.

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