Kino : Erst Disco, dann Dildo

Wilde Ladies, 40 plus: Colin Nutleys Sommerkomödie „Schwedisch für Fortgeschrittene“

Christiane Peitz
Schwedisch für Fortgeschrittene
Und abends wird gefeiert - die beiden Freundinnen sind Stammgäste des "Heartbreak Hotel". -Foto: prokino

Okay, auch Frauen werden älter. Aber ist das Leben mit 40 plus schon vorbei? Dass die finale Identitätskrise Jahrzehnte früher droht als bei den Männern, hat der schwedische Erfolgsregisseur Colin Nutley wohl den Casting-Gepflogenheiten der Filmindustrie abgeschaut. In Wahrheit kriegt die Generation 40 plus gerade ihre Last-Minute-Kinder, wird Kanzlerin oder macht Talkshow-Karriere. Egal. Warum sollen sich – nach Rocky und Bruce – nicht auch Frauen im Kino mit dem Älterwerden plagen.

Also: Treffen sich zwei auf der Straße, die Gynäkologin Elisabeth (Helena Bergström, die im wirklichen Leben mit Regisseur Nutley verheiratet ist) und die Politesse Gudrun (Maria Lundquist). Kennen sich nicht, zoffen sich gleich, wegen des Strafzettels, und laufen sich ebenso prompt wie zufällig wieder über den Weg, weil Gudruns besorgte Tochter bei der Frauenärztin einen Termin für die Mutter gemacht hat. Noch eine Begegnung der missglückten Art und – klar – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Haben doch beide erwachsene Kids, unfähige Ex-Männer, heftige Einsamkeitsanfälle und noch heftigere Lust auf durchtanzte Nächte. Gudrun (42) und Elisabeth (41) werden Stammgäste in der Disco „Heartbreak Hotel“ – so der Originaltitel des schwedischen Kassenschlagers.

Bei allem Interesse am Wohlbefinden der Mütter finden die Kinder so viel Amüsierlaune doch eher peinlich. Was die beiden kein bisschen schert. Im Gegenteil, die anfangs schüchterne Politesse und ihre draufgängerisch-zickige Freundin trotzen dem Entsetzen nach Kräften.

Albern-verschämter Wohlfühlspaß

Eine schrille Komödie? Alterswildheit statt Altersweisheit? Eigentlich sind die Temperaturen und Temperamente des Alltags ja eine Spezialität des nordischen Kinos, mit oft entwaffnender Ehrlichkeit in Herzensangelegenheiten. Den Dänen, Schweden, Isländern und Finnen ist nichts Menschliches fremd. Da ist man als Festland-Europäerin eher enttäuscht, wenn „Schwedisch für Fortgeschrittene“ sich vor allem auf eine Tonart beschränkt: die Hysterie. Mehr als Tequila-Besäufnisse, alkoholgeschwängerte Kollisionen mit uniformierten Ordnungshütern, missglückte Biker-Dates, verdruckste Auftritte gekränkter Ehegatten und laue Witzchen über Dildos („Was ist das? Schläft nicht dabei ein, verletzt deine Gefühle nicht und kann besser als die meisten Männer um die eigene Spitze rotieren?“) ist dem gebürtigen Briten Nutley nicht eingefallen.

Auch ein Coming-out oder eine Lovestory traut er sich nicht, nur eine Ladies’ Night in der Disco, bei der sich das Paar unversehens unter lauter Lesben wiederfindet. Schwedisch für Anfängerinnen: Seinen Heldinnen gönnt der Film nur albern-verschämten Wohlfühlspaß.

In neun Berliner Kinos; schwedische Originalfassung mit deutschen Untertiteln im Cinema Paris und Odeon

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