Kino : Familie und andere Gaunergeschäfte

Mit seinem Thriller "Tödliche Entscheidung" gelingt Sidney Lumet ein großartiges Comeback.

Julian Hanich
Tödliche Entscheidung
Gestrandet. Die Brüder Andy (Philip Seymour Hoffman) und Hank (Ethan Hawke). -Foto: Neue Visionen

Es gibt Thriller, deren Spannung vor allem der Handlung entspringt. An ihren Anfang wird ein bedrohlicher Endpunkt gesetzt, der als buchstäbliche deadline immer näher rückt. Gnadenlos tickt die Uhr, bei immer schnellerem Tempo. Protagonist dieser Filme ist die Zeit. Daneben gibt es Thriller, in denen der Plot zweitrangig bleibt; ihre Spannung beziehen sie aus den fein verästelten psychologischen Auseinandersetzungen der Figuren, ihre Intensität aus Sympathie, Antipathie und Einfühlung. Protagonist solcher Filme ist der Schauspieler.

Sidney Lumet hat in seiner langen Karriere viele Thriller gedreht. Es waren fast alles Schauspielerfilme. „Tödliche Entscheidung“ („Before The Devil Knows You’re Dead“) ist keine Ausnahme. Zwar treibt er den Zuschauer zu hoher Wachsamkeit, indem er seine Geschichte auf verschlungenen Wegen ausbreitet und zeitlich hin- und herspringt. Dabei verbindet er die Nahtstellen zwischen Vergangenheit und Gegenwart mit stilistisch ungewöhnlichen Blitzschnitten, die wie Scratches eines DJs wirken. Doch letztlich ist sein stilsicher inszenierter Krimi vom heruntergewirtschafteten Brüderpaar, das einen mickrigen Coup in den Sand setzt und dem Vater einen schmerzhaften Schock verpasst, nur Anlass für eine Reihe packender Charakterduelle.

Da ist Hank (Ethan Hawke): ein zappeliges Bürschchen, mit den Nerven am Ende. Sein New Yorker Apartment ist ein Loch, seine Ehe liegt in Trümmern, den Unterhalt für die Tochter kriegt er kaum zusammen. Aus Frust betrinkt er sich regelmäßig in Mooney’s Pub. Sichtbarer Beweis der inneren Übersäuerung ist seine grünlich-blasse Haut. Selten hat sich der einstige Generation-X-Sunnyboy Ethan Hawke so überzeugend zum schmächtigen Würstchen degradiert.

Da ist zum anderen Andy, Hanks älterer Bruder: ein gegelter, feister Kerl, der aufrecht nicht in seinen Sessel passt. Sein tristes Büroturm-Angestellten-Leben hat ihn in die Heroinabhängigkeit getrieben. Und Geld hat er auch noch unterschlagen – schließlich muss er eine Designer-Wohnung mitsamt Edel-Gattin (Marisa Tomei) unterhalten, die sich gerade in eine Affäre mit einem anderen stürzt. Die Schlinge zieht sich zu: kein Wunder, dass Andy wie so viele amerikanische Helden von Ausbruch und Neuanfang träumt. Und Philip Seymour Hoffman fügt seiner Galerie aus Transvestiten, Perversen und tuntigen Schriftstellern ein weiteres Exemplar menschlicher Abgrundexistenz hinzu.

Bleibt der Vater. Auf seine alten Tage dämmert ihm, dass er seine Söhne völlig falsch erzogen hat. Jedenfalls lassen sie den nötigen Respekt vermissen. So leicht aber lässt sich ein Charles Hanson nicht den Schneid abkaufen, schon gar nicht von seinen lumpigen Söhnen. Gewalt könnte eine Lösung sein. Albert Finney, der für seine Rolle in Lumets „Mord im Orient-Express“ (1974) eine Oscar-Nominierung bekam, spielt den Vater wunderbar kurzatmig und störrisch.

„Family Business“: Diesen Titel eines Lumet-Films von 1989 könnte auch das neueste Werk des mittlerweile 83-Jährigen tragen. Die Hauptfiguren werden von einem eng gesponnenen Familiennetz zusammengehalten, auf Gedeih – und vor allem auf Verderb. Was wie ein spannender Gaunerfilm anhebt, nimmt beinahe die Ausmaße einer griechischen Tragödie an. Einem unerfahrenen Regisseur wäre die Geschichte möglicherweise aus dem Ruder gelaufen, oder er hätte sich in Ironie gerettet. Sidney Lumet aber nimmt den Schlamassel seiner Figuren todernst; also bleibt auch dem Zuschauer nur, sich den beklemmenden Familienangelegenheiten auszuliefern. Mit großem Gewinn.

Ab Donnerstag in den Kinos

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