Kino : Fisch sucht Windrad

O wie schön ist Brandenburg: Pepe Planitzers Provinzmärchen "AlleAlle“. Die Menschen finden sich immer da, wo die Welt am Ende scheint.

Christina Tilmann
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Fischen will gelernt sein: Milan Peschl (l.) als Domühl und Eberhard Kirchberg als Hagen. -Foto: Promo

Schon Brecht träumte davon: Pappeln, ein See, und ein kleines Haus. Manchmal genügt sogar ein Wohnwagen. Zum Beispiel für Domühl, Hagen und Ina. Das Schlussbild in Pepe Planitzers „AlleAlle“ schenkt ihnen ein fragiles kleines Paradies. Holz hacken, Frühstücken im Schlafanzug, und die böse Welt vergessen.

Ein Märchenfilm, in einem Land, in einer Zeit, in der es scheinbar keine Märchen gibt. Sondern nur daueralkoholisierte Kleinstunternehmer wie Domühl (Milan Peschel), die in einer ehemaligen Sowjet-Kaserne wohnen und nicht wissen, wie sie die beiden letzten Angestellten bezahlen sollen. Oder Frauen wie Ina (Marie Gruber), die, gerade aus dem Gefängnis entlassen, so herb und verschlossen sind, dass sie noch nicht einmal die Geschenke annehmen können, die ihr Domühl schüchtern vor die Tür legt. Und dann schneit noch Hagen (Eberhard Kirchberg) herein, der Riese mit dem Kindergemüt, der liegengebliebene Autos bewegen kann, mit Herkuleskraft, und der der schlafenden Ina zart über’s Haupt streicht: "Schlaf fein schön.“

Drei Verlorene, die sich finden, da, wo die Welt zu Ende ist. Es ist eine prekäre Balance, die der in Brandenburg lebende Regisseur Pepe Planitzer in seinem zweiten Spielfilm wagt. Eine Balance zwischen Klischee und Betroffenheit, garniert mit Ruinenromantik. Da schlagen die Männer ihre Frauen, die ABMStellen werden knapp, Bankbeamte verweigern den letzten Kredit, und trotzdem wird morgens am See geangelt und wenn die Vögel zu singen anheben, stiehlt sich ein Lächeln auf Hagens sonst leeres Gesicht.

Eine leere Bühne, fürs zwischenmenschliche Drama: Das ist Brandenburg für viele Berliner Regisseure, in Filmen wie Ann-Kristin Reyels "Jagdhunde“ oder Thomas Arslans "Ferien“, in Christian Petzolds "Yella“ wie in Valeska Grisebachs "Sehnsucht“. Es sind beileibe nicht die schlechtesten Filme der letzten Jahre. Allein: Es sind Filme von Großstädtern. Es ist der fremde Blicks aufs Land vor der eigenen Haustür. Man sieht oft nur Windräder statt der Pappeln.

Planitzer hingegen filmt sein Land. Daher das Widerständige, das Schrullige, das Eigene in seinem Film. "AlleAlle“ steht wie die Filmfigur Hagen in der Filmlandschaft, ein schweigsamer Monolith, ein wenig sonderbar, aber sehr liebenswürdig. So vieles in diesem Film, bei dem man sagen möchte, das geht einfach nicht, und dann geht es doch, und entfaltet seinen unverwechselbaren Zauber.

Was nicht zuletzt an Milan Peschel liegt, der seinen Domühl als unberechenbaren Kotzbrocken gibt, als ewigen Nörgler, als alkoholbefeuerten Sozialamokläufer. Eine Parforce-Tour, die Peschel so souverän absolviert, dass sein Domühl zum Sympathieträger wird. Pappeln hin oder her: Man gönnt ihm das Glück.

Kinos: Babylon Kreuzberg, Broadway, Filmtheater am Friedrichshain

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