Kino : Ganze Jungs

Buckow lebt: der Film "Preußisch Gangstar“.

Kerstin Decker

Wir Soziologen! Es ist noch nicht lange her, da analysierte Brandenburgs Ex-Innenminister Jörg Schönbohm die Mentalität dieses – seines? – Landes. Er brachte es auf die Formel „Proletarisierung“. Das war gemein, denn es traf den empfindlichsten Teil der (historischen) Arbeiterehre: das Bewusstsein der zu einem lebendigen Werkzeug Herabgewürdigten, Solidarität wenigstens untereinander zu üben – da sie von anderen ohnehin nicht zu erwarten ist. Das Wort Proletarier hatte im Osten keinen negativen Klang, es verband sich eher mit Stolz. Und nun benutzte der Ex-General das Wort synonym für Verwahrlosung und Rohheit.

Den Film „Preußisch Gangstar“ sollte man mit Schönbohm-Blick sehen. Die beiden in Polen geborenen Regisseure Irma- Kinga Stelmach und Bartosz Werner haben einen Spielfilm gedreht, ihre Diplomarbeit an der Filmhochschule „Konrad Wolf“, und dennoch ist fast alles authentisch. Die drei jungen Brandenburger, der Ort, sogar der Name. „Preußisch Gangstar“ nennen sie sich selbst, es war nur der Arbeitstitel, bis Irma-Kinga Stelmach und Bartosz Werner merkten, dass ein besserer schwer zu finden ist. Und zu er-finden erst recht nicht.

Oli, Nico und Tino aus Buckow. Wahrscheinlich wissen die drei von Preußen so wenig wie vom berühmtesten Buckower: Bertolt Brecht. Als der Buckower wurde, war er schon recht alt, aber als er jung war, schrieb er Stücke aus dem gleichen Impuls, aus dem Oli, Nico und Tino Musik machen. Es ist ein – soziologisch gesprochen – sehr antizivilisatorischer Impuls.

Nur war Brechts Baal vielleicht ein wenig sprachmächtiger als Oli, Nico und Tino, deren Sätze meist mit „Eh, Alter“ beginnen und genauso aufhören. In der Mitte ist meist nicht viel. Man versteht auch nicht alles, was einerseits daran liegt, dass die Buckower und Teilzeit- Buckower Mario Knofe (als Oli), Robert Ohde (als Nico) und Benjamin Succo (als Tino) Laien sind, und zweitens daran, dass sie sich selber spielen, ihr eigenes Leben, ihre eigene Sprache.

Stelmach und Werner haben den richtigen, fast dokumentarischen Kamerablick dafür gefunden. Er lässt sich treiben wie Oli, Nico und Tino, aber manchmal stellt sich der Fokus überscharf, gewinnt alles fast überwirkliche Kontur: Wenn Nico seinen Gangstar-Rap singt und zu eigentümlicher Sprachmächtigkeit findet, wenn die Jungen Drogengeld eintreiben oder auch jemanden zu Boden schlagen. Und dann kommen sie nach Hause in ihre Schöner-wohnen-Eigenheime und sind nicht einmal unnett gegen ihre ebenso nichtproletarischen wie besorgten wie hilflosen Eltern.

Macht vielleicht gerade so viel Idylle wie in Buckow aggressiv? Wer jung ist, lebt in Gegenwelten. Früher war es leichter, gegen die Elternwelt zu sein. Die Oli-Nico-und-Tino-Welten sind so derb, jungmännlich und traumlos wie sie selbst. Alle drei haben nicht viel mehr als ihre Kraft. Früher hätten sie noch das werden können, was man „ganze Männer“ nannte. Aber wer will die noch?

- Babylon Mitte, Brotfabrik, Spreehöfe

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