Kino : Geschichte wird gedacht

Rumänien feiert ein Filmwunder. Jetzt startet der Cannes-Sieger "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage" in den deutschen Kinos.

Jan Schulz-Ojala
Gabita
Gabita (Laura Vasiliu) muss abtreiben. In Rumänien sind Schwangerschaftsabbrüche aber streng verboten. -Foto: Concorde

Revolutionen im Kino brauchen selten Masse. Vier, fünf Namen genügen zumeist; sie finden sich zusammen, weil der gütige Filmgott einen bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit fokussiert, und im Handumdrehen ist die Leinwandwelt eine andere geworden. In den späten Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts probierten ein paar profilierte Filmkritiker in Frankreich den Wechsel hinter die Kamera, und, schwupp, die Nouvelle Vague war geboren. Mitte der Neunziger proklamierten ein paar übermütige Dänen ein scheinbar asketisches Manifest, und plötzlich wirkte die sonstige Filmemacherei neben den wilden DogmaWerken sonderbar verstaubt. Seit einem Jahrzehnt auch fordert die klare, strenge Sprache einiger deutscher Regisseure das allgemeine Lärmkino heraus, und mittlerweile finden sie sich gern unter dem extern verliehenen Ehrentitel „Berliner Schule“ zusammen.

Manchmal ist es das ästhetische Kernkonzept, das diese Kleingruppen von Extrem-Individualisten vereint; manchmal die wuchtige historische Situation. Jene Handvoll rumänischer Regisseure, die derzeit das internationale Autorenkino aufmischen, gehört zur Generation der Dreißig- bis Vierzigjährigen, die in der Diktatur Ceausescus aufwuchs, von ihr aber nicht gebrochen wurde. Den Niedergang der rumänischen Filmindustrie – im Jahr 2000 wurde dort kein einziger Spielfilm gedreht – mussten sie, noch in der Ausbildung, mitansehen; seit ein paar Jahren aber kurbeln sie das heimische Filmfördersystem neu an und machen zunehmend mit internationalen Auszeichnungen von sich reden.

Vor allem das unermüdlich innovative Festival von Cannes bereitete dem Erfolg von Catalin Mitulescu, Cristi Puiu, Corneliu Porumboiu und Cristian Mungiu den Boden. Einer wahren Stafette von Kurzfilm- und Erstlingspreisen folgte dieses Jahr die erste Goldenen Palme für einen rumänischen Regisseur überhaupt. Cristian Mungiu nahm sie mit den beseligten Worten entgegen, man brauche „weder ein großes Budget noch große Stars, um eine Geschichte zu erzählen, der die ganze Welt zuhört“.

Diese neuen Filmemacher nennen sich – in Anspielung an den Sturz Ceausescus im Dezember 1989 – „Dezemberkinder“. Und anders als etwa Altmeister Lucian Pintilie, der Rumänien nach langem französischem Exil nur mehr als Absurdistan begreift, oder auch als der in Frankreich lebende Radu Mihaileanu („Zug des Lebens“) machen sie realistisches Kino, wenn auch oft mit satirischer Zuspitzung – Zeugnisse vitaler Vergangenheitsbewältigung ebenso wie imponierender Gegenwartskritik.

Corneliu Porumboiu lässt in „12:08 East of Bucharest“ (2006) drei Provinzler bei einer kuriosen Talkshow darüber sinnieren, ob die Revolution abseits von Bukarest überhaupt stattgefunden hat; Cristi Puiu zeichnet in „Der Tod des Herrn Lazarescu“ (2005) die finale Odyssee eines Alten durch die Krankenhäuser der Hauptstadt nach; und in Cristian Nemescus „California Dreamin’“ (2007) ziehen Dörfler während des Kosovo-Kriegs für eine auf einem Bahnhof blockierte Kompanie von US-Soldaten alle Register der Gastfreundschaft, bis zum verrückten, blutig-bitteren Ende.

Cristian Mungiu hingegen verzichtet, was seinen Triumph in Cannes besiegelt haben mag, ganz auf jene Exportartikel Humor und Fantasie, mit denen Osteuropäer ihre – gewesenen – Lebensverhältnisse gern ins kulturell Allgemeinverdauliche hinüberwürzen. „4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“ schildert chronologisch, nahezu in Realzeit, jeweils mit langen, eine ganze Szene umfassenden Plansequenzen einen Tag und einen langen Abend: die Geschichte der Anbahnung und des Vollzugs einer heimlichen Abtreibung sowie der ersten Stunden danach in einer rumänischen Kleinstadt 1987. Die einzige Ironie steht im Abspann: Der Film begründet die Trilogie „Geschichten aus Goldenen Zeiten“, mit der Mungiu den Alltag in der Ceausescu-Diktatur nachzeichnen will.

Das goldene Gebärmaschinen-Zeitalter hatte der Diktator bereits in seiner Frühzeit 1966 mit dem „Dekret 770“ begründet, und es war so verhasst, dass es sofort nach seinem Sturz abgeschafft wurde. Zwecks Massenzüchtung kommunistischen Nachwuchses war allen Frauen unter 40, die weniger als vier Kinder hatten, Abtreibung bei hohen Gefängnisstrafen verboten. Die Folge: Zunächst schnellten die Geburtenraten hoch – auch Mungiu, 1968 geboren, ist ein „decretei“ –, doch auch die Zahl der Abbrüche stieg bald dramatisch. Schätzungen zufolge starben dabei im Lauf der Jahre Zehntausende von Frauen.

Mungius Film trommelt nirgends mit diesen Kenntnissen; er funktioniert beim Zuschauer auch ohne sie. In absoluter zeitgeschichtlicher Genauigkeit und zugleich äußerster ästhetischer Reduktion zeigt er, wie sich die linkische, aufgeregte Gabita (Laura Vasiliu) mit Hilfe ihrer umsichtigen Mitstudentin Otilia (Anamaria Marinca) auf die Abtreibung in einem Hotelzimmer vorbereitet; wie der dorthin bestellte „Engelmacher“ (Vlad Ivanov) aus ihrer Notlage finanziellen und sexuellen Nutzen zieht; und wie die beiden Frauen das Bündel der daraus folgenden physischen und psychischen Traumata in einem ersten Beieinander zu bewältigen suchen.

Das Zusammensuchen der Sachen im Wohnheim, die Suche nach dem Hotelzimmer, wobei die Rezeptionsdamen grausam perfekt den sozialistischen Nicht-Service verkörpern, die ersten kühlen Gespräche mit dem Abtreiber im Auto, die zunächst leise und sich in einem Kurzgebrüll entladende Verhandlung, irgendwann Otilias letzter Freundschaftsdienst mit der hastigen Beseitigung des Fötus in der Nacht: All dies ist in wenige prägnante Szenen aufgelöst, wobei der stativlosen Kamera, selbst wenn sie lange verharrt, allenfalls ein minimales Beben gestattet ist. Aber es ist ein Beben, von Anfang an.

Nur einmal umgeht die Kamera (Oleg Mutu) nicht, was man die Lust am Spektakulären nennen könnte. Sekundenkurz ist der tote Fötus zu sehen, in blutige Lappen gewickelt. Wer allerdings „4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“ flugs als Anti-Abtreibungsfilm deutet, will sich offenbar irren. Denn Mungius Film bewertet nirgends platt, sondern erzählt nüchtern von der Totalverseuchung des Alltags durch den Missbrauch von Macht, wobei er die unmittelbar politische klug ausspart. Tatsächlich lieferte das Abtreibungsverbot Hunderttausende von Frauen solchen Kleindiktatoren des Augenblicks aus. Die Kriminalität des Systems: Sogar noch in ihrem – kriminalisierten – Zerrbild war sie zu erkennen.

Der Albtraum ist vorüber, der große wie der kleine. Heute hat Rumänien eines der liberalsten Abtreibungsgesetze der Welt. Und das Land mag nach den Wirren der Wendejahre nur mehr 35 Kinos haben – aber was, wenn die jungen, keineswegs wilden Regisseure sich klug zu helfen wissen? Cristian Mungiu etwa ist als Begründer von Mobra Films sein eigener Produzent. Nun tingelt eben sein bewegender, großartig besetzter und 113 Minuten lang fesselnder Film, wie er unlängst im Interview für „epd film“ kundtat, im Wohnwagen mitsamt Projektor durch die kinolosen Städte seiner Heimat. Und weltweit der ersten Zuschauermillion entgegen.

Ab Donnerstag im Broadway, Capitol, Kulturbrauerei, Passage; OmU im fsk

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