Kino : Handwerk in der Kammer

Mit sanftem Touch: Marianne Faithfull als Hausfrau auf Abwegen im Berlinale-Hit „Irina Palm“.

Christina Tilmann
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Maggie alias Irina Palm (Marianne Faithfull).Foto: ddp

„Sie sind zu alt und ohne Ausbildung“, befindet der junge Schnösel bei der Jobagentur: „Ich kann nichts für Sie tun.“ Ich kann nichts für Sie tun, heißt es auch bei der Kreditvermittlung der Bank, keine Sicherheiten, kein Job, und das Konto ist auch überzogen. Die junge Bankangestellte, die Maggie abfertigt, trägt zur Feier des Tages eine Weihnachtsmannmütze. Die Geschichte von dem todkranken Enkelkind will sie gar nicht erst hören. Und auch für den maliziös-missgünstigen Freundinnenkreis daheim in Yardley-Hastings auf dem Land steht längst fest: „Maggie will einen Job haben? Aber Maggie kann doch gar nichts.“

Keine Chance, wenn man wie Maggie über sechzig ist, als Hausfrau in Ehren alt geworden, der Sohn inzwischen erwachsen, der Mann gestorben, das Haus verkauft. Es bleibt nur noch das Wäschewaschen für den Sohn, das Bridgespielen mit den Freundinnen und abends ein einsamer Tee. Nicht viel los, im idyllischen Londoner Vorort mit Kirche und Dorfplatz, wo nachts die Jugendlichen in den geparkten Autos vögeln und im Eckladen jedes Ereignis ausgiebig bekakelt wird. Eine sanfte, unerbittliche Art des Sozialterrors herrscht hier. Es ist nicht vorgesehen, dass man abends nicht zu Hause ist oder mit dem Zug nach London fährt und nicht sagt, warum. Auch nicht, dass man plötzlich 6000 Pfund auftreiben soll, für die Operation des Enkels, und das ohne Job, ohne Sicherheiten, ohne Kredit, mit sechzig Jahren. Und Maggie kann doch nichts.

Doch, Maggie kann etwas, sie hat etwas. „Ihre Hände haben so einen sanften Touch“, erklärt die dunkelschöne Luisa (temperamentvoll: Dorka Gryllus), die schon länger im „Sexy World“, einem schmierigen Schuppen in Soho, jobbt. Der sanfte Touch ist die große Chance: Unter dem „Künstlernamen“ Irina Palm wird Maggie schnell zur Attraktion, die Männer stehen Schlange vor der Kabine, sie verdient satt Geld, die Konkurrenz unternimmt erste Abwerbeversuche, und die zarte Zuneigung des Clubbesitzers wächst gratis dazu. Und das, obwohl das erste Vorstellungsgespräch so gnadenlos schief ging: „Wissen Sie überhaupt, was eine Hostess tut“, fragt der melancholische Miki (Kusturica-Star Miki Manojlovic), Maggie stottert etwas von Teekochen und Aufräumen. Nein, Hostess sei ein Euphemismus, erklärt Miki geduldig: „Wissen Sie, was ein Euphemismus ist?“ Er habe es auch nicht gewusst, aber sein Anwalt habe es ihm erklärt.

Irgendwann erklärt Maggie auch ihren Bridge-Freundinnen, mit professionellem Stolz, was sie Geheimnisvolles tut, jeden Tag in London: Eine „wanking widow“, eine wichsende Witwe sei sie, die den Männern einen runterhole, die „beste rechte Hand von ganz London“ habe ihr Chef sie genannt. Wenn es irgendwelche Probleme gäbe, dann nur mit dem verflixten Penisarm, der sich immer entzünde. Hat da noch jemand in der Runde behauptet, was Maggie mache, sei nicht interessant?

Einen „sanften Touch“ hat auch der in Deutschland aufgewachsene, inzwischen in Belgien lebende Regisseur Sam Garbarski, der mit „Der Tango der Rashevskis“ 2003 eine Art „Alles auf Zucker“ auf Französisch vorlegte. „Irina Palm“, sein Zweitwerk, das am Donnerstag ins Kino kommt, ist so britisch wie nur irgendwas – und wurde auf der diesjährigen Berlinale zum Publikumsfavoriten, mit Gelächterwellen, Rührungstränen und Standing Ovations für Hauptdarstellerin Marianne Faithfull. Und das für eine Geschichte, die so klein wie glanzlos, so bescheiden wie schäbig und auch etwas altmodisch ist, dafür aber ganz ohne Schenkelklopfen, Misstöne und Voyeurismus auskommt: eine sechzigjährige Hausfrau, ein krankes Kind, man braucht eben Geld, und ein Job ist ein Job. Mindestens so bieder, so unglamourös auch das Setting, diese erdverbundenen Farben, violett, braun, gelbgrün, alles etwas in die Jahre gekommen, wie jene Maggie, die die Sixties-Ikone und Ausnahme-Schauspielerin Marianne Faithfull erst ganz allmählich zum Leuchten bringt, mit unglaublich gut dosiertem „sanften Touch“.

Das ist schon eine Sensation, wie diese Lady mit unerschütterlicher Bodenhaftung und doch zart-liebenswürdiger Unsicherheit durch die Rotlichtwelt stapft, die strähnigen Haare zurückgebunden, die untersetzte Figur im Kapuzenmantel verhüllt, der Tritt im Stiefel sicher, wenn auch unelegant, und in der Hand die praktische große Plastiktasche. Maggie richtet sich ihr schäbiges Kabuff im „Sexy World“ mit Kittelschürze, Kaffeekanne, Blumen, Illustrierten gemütlich ein und macht sich mit Gleichmut an die Arbeit. Als sei sie die Putzfrau oder unsichtbar, geht sie ein und aus in dieser Rotlichtwelt, in der nur Jugend und Körper zählt, und bleibt doch seltsam unbeschädigt.

Ja, gerade das, neben allem Dialogwitz, allem britischen Understatement, ist das wunderbar Mutmachende an diesem Film, dass diese Maggie so ganz sie selbst bleibt, auch als das große Geld kommt und der Erfolg. Dass ihrem gesunden Mutterwitz nichts etwas anhaben kann, weder die anzüglichen Bemerkungen im Sex-Club noch die Häme der Freundinnen daheim. Wie einen Zauberumhang schützt sie ihr lila Kapuzenmantel, schützt sie auch ihre Sicherheit, ihre Unschuld – und doch widersteht der Film jedem Vorurteil, auch jeder political correctness. Nicht, dass Garbarski mit dem Weichzeichner vorginge und die ganze Hässlichkeit der Sexindustrie verschleiere – dass Kollegin Luisa zum Beispiel wegen Maggies Erfolg ihren Job verliert, lässt er in aller Härte unversöhnlich stehen. Und gönnt seiner aufrechten, aufrichtigen Anti-Heldin doch den schönsten, zarten Hoffnungsschluss. „Ich habe nichts, für das ich mich schämen muss“, sagt Maggie einmal ihrem peinlich indignierten Sohn. Aber so vieles, auf das sie stolz sein kann.

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