Kino : Im Whiskey liegt die Wahrheit

Eine unmögliche Liebe: Das Country-Drama "Crazy Heart" mit dem herausragenden Jeff Bridges.

von
Bridges
Alles an Anfang. Countrysänger Bad Blake (Jeff Bridges) ist eigentlich fertig mit der Welt. Wenn da diese junge Reporterin (Maggie...Foto: Fox

Die besten Countrysongs erzählen von der Sehnsucht. Ihr Thema ist das Unterwegssein und die Endlosigkeit der Highways. Der Film "Crazy Heart" beginnt mit Bildern einer Prärielandschaft, über der sich ein azurblauer Himmel wölbt. "All my life I've been a rolling stone", singt eine Männerstimme im Off zur Akustikgitarre. Der Mann, der im rostigen Bulli durch den amerikanischen Süden fährt, heißt Bad Blake, ein Countrysänger, der seine besten Tage hinter sich hat. Er tingelt durch die Provinz, steigt in billigen Motels ab und spielt in Bowlinghallen und Kaschemmen vor grauhaarigen Fans, die seine alten Songs beklatschen. "Ich bin 57 Jahre alt, pleite und habe gerade noch zehn Dollar in meiner Tasche", sagt er. Sein Leben ist eine einzige Flucht.

Früher hatte Blake (bravourös gespielt von Jeff Bridges) ein paar Nummer-1-Hits, jetzt ist es seine einzige Ambition, mit den Gigs so viel Geld zusammenzukratzen, dass es für die nächste Flasche Whiskey reicht. In der schwarzen Lederkluft seines Bühnenoutfits, mit Cowboyhut und der obligatorischen Sonnenbrille wirkt der Altstar noch immer verwegen und cool. Aber bei seinen Konzerten muss er immer wieder mal in den Kulissen verschwinden, um sich in einen Mülleimer zu übergeben. Zurück auf der Bühne spielt er sein Gitarrensolo im Sitzen zu Ende. Sein größter Erfolg heißt "Somebody Else". "I used to be somebody, but now I'm somebody else", singt er da mit heller, brüchiger Stimme.

In Santa Fe wird Blake von einer jungen Lokalreporterin (Maggie Gyllenhaal) interviewt. Er erzählt von seiner Verehrung für Hank Williams und Gene Autry, von den vier gescheiterten Ehen und seinem Sohn, den er seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hat. Bald darauf landen sie im Bett, und aus der Begegnung des Sängers mit der fast dreißig Jahre jüngeren Frau entwickelt sich aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz eine Liebe. Aber Blake ist für das Glück nicht geschaffen, vor Bindungen flieht er in den Alkohol. Als die Reporterin ihn in Houston besucht, soll er ein paar Stunden auf ihren kleinen Sohn aufpassen. Blake steuert die nächste Bar an, und der Junge geht verloren.

"Crazy Heart", die erste Regiearbeit des Schauspielers Scott Cooper, basiert auf dem gleichnamigen Roman von Thomas Cobb, der von der Biografie des legendären, 2007 verstorbenen Country-Stars Hank Thompson inspiriert war. Der Film lässt kaum ein Klischee aus, angefangen mit der eher schematischen als wirklich glaubwürdigen Charakterzeichnung seiner Protagonisten.

Blake ist der Prototyp des einsamen Wolfes, der sich vor Nähe fürchtet und in der patenten, lebenslustigen Journalistin seine Lebensretterin entdeckt. Eine Beziehung als Therapie-Ersatz, unterlegt mit der herzzerreißenden Ballade "If I Needed You" vom Country-Songwriter Townes Van Zandt, der sich zu Tode soff. Dass "Crazy Heart" dennoch ein herausragender Film geworden ist, liegt am Hauptdarsteller. Jeff Bridges, der im Dezember 60 Jahre alt wurde, ist ein Meister des schauspielerischen Understatements. Er zeigt alle Stadien des menschlichen Verfalls, ohne melodramatisch zu werden. Fettwanstig und zerknautscht hockt er in einem Hotelzimmer und schüttet Whiskey aus einem Plastikbecher in sich hinein. Später ist er nur noch ein Haufen Elend und bricht neben der Toilette zusammen. Auf der Bühne aber ist er unwiderstehlich. Die Film-Songs singt Bridges alle selber, auch sein Gitarrenspiel ist echt. Viermal war er bereits für einen Oscar nominiert. Wenn es mit gerechten Dingen zugeht, sollte er die Trophäe der Academy nun endlich in der Nacht zum Montag bekommen.

"Crazy Heart" ist ein hochgradig sentimentaler Film, der auch vom Niedergang einer Musikkultur handelt. Bad Blake steht für die klassische Countrymusik, die ihre Themen noch in den Dramen des Alltags fand. Das Gegenmodell verkörpert Colin Farrell, der als Country-Superstar mit dem bezeichnenden Namen Tommy Sweet vor zehntausenden Fans auftritt. Mit der Widerborstigkeit der alten Countrysongs hat sein weichgespülter Mainstreamsound nichts mehr zu tun. Im Interview mit der Journalistin will Blake nichts über seine einstige Freundschaft zu Tommy Sweet erzählen. Aber dann lässt er sich doch für dessen Vorprogramm engagieren und schreibt ihm, belohnt mit 75 000 Dollar, die Stücke fürs nächste Album. Ein Ausverkauf.

Cinemaxx Potsdamer Platz, Neue Kant Kinos, Colosseum. OmU im Babylon Kreuzberg und im Central. OV im Cinestar Sony Center

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