Kino: "It might get loud" : E-Gitarren: Der perfekte Sturm

"It might get loud" ist der Musikfilm des Jahres. Er feiert ein mächtiges Instrument – die E-Gitarre. Es gibt nur wenige Musikdokumentationen, die einem mehr erzählen, als man schon weiß. Diesmal ist es anders.

Kai Müller

Bei Konzerten von U2 gibt es den Moment, da bläht sich der Raum, da wird ein Kraftfeld spürbar so mächtig wie Akiras Zorn. Dann hat The Edge die Apparate angeschmissen. Dieser Moment kann ein ganzes Konzert dauern. U2 sind die einzige Rockband der Welt, die sich ihren Beat vom Gitarristen diktieren lässt. Mit einem Turm aus Effektgeräten, von denen das Delay das wichtigste ist, verwandelt David Evans alias The Edge die Stadien dieser Welt in Echokammern. Von allen Seiten hallt es schrill wider. „Als ich vor Jahren mit meiner Frau in einem U2-Konzert war“, erzählt Filmregisseur Davis Guggenheim, „fragte sie mich auf dem Höhepunkt: ,Du wärst am liebsten Bono, stimmts?’ Aber ich sagte sofort: ,Nein, The Edge.’“ Guggenheim fährt fort: „Beim Hören von Musik sind Worte oft wichtig. Aber wenn sie einen wirklich packt, dann durch einen blast of vibration, der sich dem Verstand entzieht.“

Nun hat Guggenheim einen Film gedreht, um die überwältigende Wirkung der E-Gitarre zu ergründen, die sie zum Schlüsselinstrument der Popkultur gemacht hat. Jedenfalls so lange, bis mit Drummaschine und Sampler eine neue Generation technischer Klangerzeuger das digitale Zeitalter einläutete. „It might get loud“, auf der Berlinale als Geheimtipp gehandelt, kommt am Donnerstag endlich in die Kinos. Guggenheim erzählt darin von Aufstieg und Niedergang der E-Gitarre, diesem unendlich fetischisierten Instrument, das schon so viel Unsinn überstanden hat: mutwillige Zerstörung, Brandstiftung, Masturbation. Kein anderer Gegenstand, der Mikrofonständer ausgenommen, war so oft Gegenstand einer symbolischen Verschiebung. Phallus und weiblicher Körper in einem.

Auch Regisseur Davis Guggenheim widersteht den Lockungen der Fetischisierung nicht. 2007 wurde er mit der Öko-Reportage „An Inconvenient Truth“ berühmt, die Al Gores Engagement für den Klimaschutz schilderte und in wenigen Monaten 50 Millionen Dollar einspielte.

Im letzten Jahr drehte er Wahlkampfspots für Obama und verhalf dem Demokraten mit zur Macht. Aber nun, so scheint es, hat er erst das richtige Verführungsinstrument gefunden: Formal kreist „It might get loud“ um das Zusammentreffen von drei Rockstars, die sich darüber austauschen sollen, was die E-Gitarre für sie bedeutet. Das klingt zunächst wie eine furchtbar schlechte Idee. Drei Superegos aus unterschiedlichen Generationen werden an einem Ort versammelt; na, was werden sie schon tun? Lärm. Müssen sich Jimmy Page von Led Zeppelin, The Edge von U2 und als Jüngster Jack White von den White Stripes und Raconteurs nicht zwangläufig neutralisieren?

Auf der Fahrt zu den Burbank Studios in Los Angeles, wo das Gipfeltreffen in einer Lagerhalle anberaumt ist, spottet White mürrisch, dass sie sich wahrscheinlich die Köpfe einschlagen werden. Er trägt einen eigenartigen Hut und geriert sich als Dandy. Er habe vor, sich zurückzuhalten, um sich die Tricks der anderen abzugucken. Was natürlich Unsinn ist. Er hat es nicht nur nicht nötig. Es liegt ihm auch gar nichts daran, wie die Eingangssequenz demonstriert. Vor einer Holzhütte baut White in kaum zwei Minuten aus einer Stahlsaite, einem Brett, zwei Nägeln, einer Cola-Flasche und einer Magnetspule eine rustikale elektrische Gitarre. „Wer sagt denn“, bellt der Musiker, „dass man sich eine Gitarre kaufen muss?“

Jack White ist ein Blues-Epigone und Retro-Purist. Das macht auch die Szene deutlich, in der er mit demselben Tempo, mit dem er die Gitarre zusammengezimmert hat, einen Song schreibt und aufnimmt. Nicht in einem Studio, sondern im Obergeschoss eines zu diesem Zweck leer geräumten Hauses. Sein Diktum: Man sollte der Versuchung widerstehen, „mittels technischer Apparate Zeit zu sparen“.

Dass Technik die Sache nicht schneller macht, demonstriert Antipode The Edge. Stunden bringt der Minimalist damit zu, einen bestimmten Sound aus seinem Gerätepark herauszuholen. Die Riffs, die ihm dabei als Grundmuster dienen, sind so simpel, dass er selbst schmunzeln muss. Auf Fingerfertigkeit kommt es hier nicht an. Es sei der technische Fortschritt, der musikalische Entwicklungen anstoße, sagt The Edge.

Es gibt nur wenige Musikdokumentationen, die einem mehr erzählen, als man schon weiß. Musiker treten darin mit gottähnlicher Selbstherrlichkeit auf, geben ein paar Belanglosigkeiten von sich, der Rest wird am Schneidetisch erledigt. Diesmal ist es anders. Denn „It might get loud“ will das kreative Zentrum ergründen, das den E-Gitarristen zum Hüter der Extase macht, ohne das Mysterium zu zerstören, das ihn umgibt. Dabei erweist sich als Glücksfall, dass das Trio, so ungleich es sein mag, aus schweigsamen Typen besteht. Nur die Gitarre macht sie laut. Und es bereitet ihnen erkennbar Mühe, über sich selbst zu reden. Was sie da anstellen, ist ihnen selbst ein Rätsel. Tatsächlich ist die Gitarre mit ihrem Rückkopplungsmechanismus ein sich verselbstständigendes Instrument. Man steuert sie mehr, als dass man sie spielt, denn im Spannungsfeld mit dem Verstärker bilden sich Töne ganz allein. Der E-Gitarrist sorgt dafür, dass es die richtigen sind.

In Interviews erklärt The Edge die Faszination für die E-Gitarre mit der längst nicht ausgeschöpften Bandbreite von Sounds. Ebenso wichtig dürfte allerdings sein, dass sie die Grenze zum bloßen Geräusch einreißt und damit in Sphären vorstößt, die sich für Jimi Hendrix – als singender Gitarrist hatte er eine Sprache für solche Erfahrungen – als „electric skies“ darstellte. Wie sehr die musikalische Entwicklung von Reduktionen bestimmt wird, dafür findet Guggenheim etliche Belege. Als Jimmy Page sein frustrierendes Dasein als Studiomusiker Mitte der Sechziger abzuschütteln versuchte, wandte er sich dem Blues zu und begriff sein Instrument bald als Streitaxt.

Es ist faszinierend mitanzusehen, wie locker Page das legendäre Gitarrenriff von „Whole Lotta Love“ auch vierzig Jahre später noch aus dem Handgelenk schüttelt. In Led Zeppelins Gigantomanie war schon angelegt, was in den Siebzigern durch Endlossoli, hirnlosen Sexismus und fransigen Männlichkeitswahn epidemisch wurde. Edge und seine Dubliner New-Wave-Freunde fanden die Gniedeleien abstoßend. Sie setzten dem eine Reduktion entgegen, die heute nicht minder aufgeblasen wirkt, aber ihren Ursprung in einer bewussten Abkehr vom Geniekult hat. Mit The Edge verschwand die Gitarre als Soloinstrument von der Bildfläche.

Die Ironie ist, dass der rhythmische Automatismus von Edges Delay-Effekt vom Computer viel zuverlässiger ausgeführt wird, sodass die E-Gitarre bald Plattenspieler und Sampling-Apparaten wich. Jack White, Jahrgang 1975, gelernter Polsterer, der in Detroit als jüngstes von zehn Geschwistern aufwuchs, erlebte, wie in seiner Umgebung nur Hip Hop oder House gehört wurde. Die Gitarre war ganz verschwunden. Er musste weit zurückgreifen, bis zu den Anfänge des Blues, um die Integrität dieses Instruments wiederzuentdecken. Man sieht ihn im Film eine Aufnahme von Son House anhören. Der alte Mann singt ein Lied und klatscht dabei rhythmisch in die Hände. Aus mehr besteht dieser Song nicht. Es ist Jack Whites Lieblingslied.

Es ist wohl kein Zufall, dass der Höhepunkt des Films dem Altmeister und Riff- Monumentalisten Page gehört. In seinem Landhaus bei London kramt der Ergraute in einer Kiste, zieht eine Single heraus und spielt zu Link Wrays „Rumble“ hingerissen Luftgitarre. Ob er in diesem Augenblick weiß, was er tut? Er kennt jeden Ton. In dieser Geste der Transzendenz schließt sich der Kreis, der ein halbes Jahrhundert Musikgeschichte umfasst. „Rockstars sind Teil einer Verklärungsindustrie“, glaubt Guggenheim. „Sie spüren, dass Erklärungen nur die Illusion zerstören, der sie ihren Status verdanken.“ Als die drei Stars schließlich ein Lied zusammen spielen, hat jeder von ihnen eine Akustikgitarre auf dem Schoß.

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